Im Zeichen des Tigers: Probe am 21. April 2010

Ich beteuere in diesem Blog ja immer wieder, dass die Bigband-Probe den Mittwoch zu einem meiner persönlichen Lieblingstage macht. Heute Abend konnte ich beweisen, dass es sich dabei nicht nur um ein Lippenbekenntnis handelt, denn in diesem Jahr fiel die Probe auf meinen Geburtstag.
Nachdem ich den Nachmittag zu Hause bei Kaffee und Kuchen verbracht hatte, war der Weg zur Probe für mich etwas weiter als sonst. Dummerweise herrschte im Verkehr rund um Walldorf heute aber der Ausnahmezustand, weil die A6 streckenweise gesperrt war. Deswegen stand ich zehn Minuten vor Probenbeginn noch im Stau. Also rief ich unseren Pianisten, Frank W., an, um meine Verspätung anzukündigen. Dieser zeigte sich großmütig und sagte: "Herzlichen Glückwunsch und kein Problem, wenn du Kuchen dabei hast." Daraufhin schärfte ich ihm ein, niemandem von meinem Geburtstag zu erzählen, denn auch wenn man es mir meistens nicht glaubt, bin ich ein grundbescheidener Mensch. Auf Frank kann man sich verlassen - er hielt dicht. Unser CMO Thomas S. wusste zwar auch davon und hatte netterweise ein Geschenk für mich dabei, doch es gelang ihm, mir ohne viel Aufhebens zu gratulieren. So weit, so gut.
Gleich beim ersten Stück (Der Professor) hatten wir das alte Problem: Nicht in allen Stimmen lagen die Noten vor, so dass ich mich auf den Weg in den Keller machen durfte, um die fehlenden Blätter zu besorgen. Als ich ans Tageslicht zurückkehrte, war es ungewöhnlich ruhig. Ich hörte nur, wie Thomas einen Takt einzählte, und dann begann die Band mit einem ganz speziellen Arrangement von Happy Birthday. Es war rührend, meine Damen und Herren! Offenbar hatte man sich ganz spontan darauf geeinigt, die bekannte Melodie in eine bisher unbekannte Kirchentonart zu transponieren. So hat die Welt das Stück jedenfalls noch nicht gehört - die Grundfesten des Walldorfer Schulungszentrums zittern  wahrscheinlich immer noch ob dieser Klanggewalt. Auch wenn ich meinen Geburtstag eigentlich geheimhalten und gar nicht im Mittelpunkt stehen wollte: Es war wirlich toll.
Nach diesem erfreulichen Zwischenspiel ging es weiter mit Der Professor. Unser Konsul Toni D. darf hier zur Freude aller mit einem Trompetenfeature glänzen. Nach dem ersten Durchlauf packte unser CMO aber überraschenderweise die Trompete aus und sagte zu ihm: "Ich zeige dir mal, wie ich mir das so vorstelle." Das kommt nur selten vor. Wir spielten das Stück also ein zweites Mal mit Thomas an der Trompete, und hier muss eine Art telepathische Übertragung auf Toni stattgefunden haben, denn beim dritten Durchlauf trauten wir unseren Ohren kaum: Der Konsul war wie ausgewechselt. Besonders gelungen fand ich, wie er den als Growling bekannten Effekt, bei dem der Trompeter den Ton bewusst verzerrt, einsetzte. Thomas hatte diese Technik nur sparsam verwendet, doch unser Tiger aus Österreich knurrte und fauchte vor sich hin, was das Zeug hielt.
Auch das nächste Stück, Desjazzdo, stand ganz im Zeichen des Tigers. Zu allem Überfluss trug Toni ein stylisches schwarzes Hemd und lieferte so einen wirklich überzeugenden Gesamteindruck ab, der mich nur neiderfüllt zurücklassen konnte. Lobend erwähnen muss und will ich aber auch viele andere Musiker: Jens W. lieferte ein druckvolles Gitarrensolo ab, aus den Reihen der Saxophone war auch viel Schönes zu hören, und Olli B., der heute Abend mit seinem Schlagzeug ganz dicht an die Band gerückt war, hielt den Laden mit einem wirklich unüberhörbaren Groove zusammen. Manche hatten vielleicht sogar den Eindruck, dass er einen Tick zu laut gespielt hat, aber ein Schlagzeug ist nun mal keine Blockflöte.
Ich selbst hatte bei diesem Stück nicht so viel Glück. Immer wieder schaute ich den Einsätzen auf die "eins und" ratlos hinterher. Nun ist der Mensch ja oft geneigt, die Schuld nicht bei sich zu suchen, und so sagte ich in einer kurzen Spielpause zu unserem Präsidenten Ralf H.: "Das Stück ist ziemlich anspruchsvoll, oder? Es verlangt dem Publikum beim ersten Hören ganz schön viel ab." Ralf konnte gerade noch erwidern, dass das Stück auch beim ersten Mal gut klingen werde, wenn man es denn richtig spiele (das wollte ich eigentlich nicht von ihm hören), als er von Thomas zur Ruhe ermahnt wurde. Fairerweise meldete ich mich zu Wort und erklärte unserem CMO, dass ich schuld sei: "Ich habe Ralf angesprochen, weil ich seinen Rat gesucht habe." Thomas erwiderte: "Hendrik, du weißt doch: Das ist immer der falscheste (sic!) Weg, den Ralf um Rat zu fragen. Obwohl, wenn man ganz unten ist, macht das auch nichts mehr."
Nach dieser Episode gelang es mir für einige Zeit, die Klappe zu halten, wenn ich auch mit einer gewissen Genugtuung bemerkte, dass ich nicht der einzige war, der mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert wurde. Thomas verstand es, den Saxophonsatz auf seine ganz eigene Weise aufzumuntern: "Wenn euch der Mut verlässt, spielt trotzdem selbstbewusst weiter. Lieber mit vollem Ton untergehen als zu zaghaft." Na also, das ist doch genau mein Motto (wobei es fraglich ist, ob sich einfache Saxophonweisheiten so ohne Weiteres auf ein hochkomplexes Instrument wie die Trompete übertragen lassen).
Mit Freude darf ich berichten, dass wir heute zum zweiten Mal unsere neue Verstärkung am Baritonsaxophon, Anna T., begrüßen konnten. Herzlich willkommen, wir freuen uns sehr! Thomas zeigte sich in einer kurzen Ansprache sehr erfreut, ein weiteres weibliches Bandmitglied in unsere Reihen aufnehmen zu können und wies auch gleich charmant darauf hin, dass für selbige die Verpflichtung bestehe, bei Auftritten kurze Röcke zu tragen. Nun ja. Er kennt sich ja aus in dem Geschäft und wird wissen, wie man die Leute motiviert. Ich will ihm da nicht reinreden.
Dass er sein Geschäft versteht, zeigte er einmal mehr, als er nach der langen und langwierigen Arbeit an Desjazzdo die Probe mit einem superschnellen Durchlauf der Gute-Laune-Nummer Azzurro beendete. In diesem Zusammenhang darf ich ein Sonderlob an die beiden zu diesem Zeitpunkt noch anwesenden Posaunisten, Stefan P. und Helmut G., aussprechen, die in den ersten Takten mit einem äußerst strammen Klangbild zu überzeugen wussten.
Der Abend klang, wie so oft, bei einer beschaulichen Mahlzeit aus - diesmal wieder im SAP-Gästehaus in Walldorf. Hier gelang unserem CMO das letzte Kunststück des Abends: Er bestellte ein Weizenradler und ließ sich auch gleich über die Vorzüge dieses Mischgetränks aus. Nun ist es ja strenggenommen nicht so, dass in der Weltgeschichte noch niemand vor ihm ein solches Getränk zu sich genommen hat, aber er hatte es nun mal für sich entdeckt, und wenn jemand, den man sonst mit schnellen Autos, dicken Zigarren und extrem teuren Weinen identifiziert, lobende Worte zu einem Grundnahrungsmittel findet, hört man gerne zu. Allerdings gab es eine kleine Panne: Kaum hatte Thomas einige Schlucke aus seinem Glas genommen legte er die Stirn in Sorgenfalten. Irgendetwas stimmte nicht. Er nahm noch einen Schluck, reichte sein Glas dann an Olli weiter, der ein alkoholfreies Weizen bestellt hatte, und die beiden begannen, eine ausgiebige Vergleichsstudie durchzuführen. Nachdem Thomas' Glas sich dabei halb geleert hatte, nahm er noch einen Abschiedsschluck, rief dann den Kellner herbei und teilte diesem das Ergebnis seiner Untersuchung mit: Bei dem Inhalt des Glases könne es sich unmöglich um ein Weizenradler handeln. Sowohl ein Geschmackstest als auch eine Sichtprüfung hätten dies zweifelsfrei ergeben. Es handele sich stattdessen vermutlich um ein alkoholfreies Bier. Der Kellner nahm das Glas, in dem sich noch eine unbedeutende Restmenge befand, und tauschte es in Windeseile gegen das gewünschte Getränk aus. Wir können also gleich doppelt froh sein, denn wir wissen nun nicht nur, dass es in der so oft beklagten Servicewüste Deutschland noch wahre Kundenfreundlichkeit gibt. Wir können auch sicher sein, dass unser CMO heute ausreichend Flüssigkeit zu sich genommen hat. Schließlich muss er morgen fit sein. Wir fahren nämlich alle nach Mannheim, um ihn auf der Bühne zu sehen und zu hören. Kommen Sie doch auch!




Glück gehabt: Probe am 7. April 2010

Eine so angenehme Probe wie heute habe ich selten erlebt, denn ich konnte mich endlich einmal aufs Musikmachen konzentrieren. Gut, der obligatorische Kniff in die imaginäre Speckfalte von unserem CMO Thomas S. musste sein, aber davon abgesehen standen heute andere im Rampenlicht - zu Recht natürlich. Allen voran unser großer Meister selbst, der modisch gesehen wirklich keine Wünsche offen ließ. Er hatte seine knabenhaften Hüften in eine neue Jeans gehüllt, eine waschechte G-STAR, und trug dazu ein frühlingshaftes Oberteil von adidas. Hilfreich war die Information, dass die Hose sage und schreibe 109,00 EUR gekostet hatte, auch wenn Anja R. damit konterte, dass das neue Beinkleid "wesentlich günstiger" aussehe. Bilden Sie sich selbst ein Urteil:
     
Musikalisch gesehen ging es entspannt los mit Don't You Be Worried, und Thomas wurde nicht müde, uns daran zu erinnern, dass das Stück ziemlich "west coast" sei. Nun ist "west coast" ja streng genommen kein Adjektiv, und Sie sollten auch nicht den Fehler machen, an den West Coast Jazz zu denken, denn diese Nummer ist eher im Soul zu Hause. Thomas erklärte uns das so: "Die Männer an der West Coast haben extrem viele Muskeln und die Frauen -" Leider habe ich vergessen, was er über die Frauen gesagt hat, aber ich bin sicher, dass es sehr charmant war. Er kann ja im Grunde gar nicht anders.
Die Posaunen kassierten leider einen Rüffel, weil sie an einer Stelle unaufgefordert die Solo-Form verlassen hatten. Thomas erläuterte ihnen daraufhin folgendes: "Wenn keiner das Zeichen für "weiter" gibt, spielt ihr nicht weiter. Und wenn einer das Zeichen gibt, dann spielt ihr weiter." Alle Nicht-Posaunisten hatten großes Vergnügen an dieser Lektion. Aber so ist das eben: Diese Band ist ein Haifischbecken. Wenn du einen Moment nicht aufpasst, wirst du gefressen. 
Zur Ehrenrettung der Posaunen muss ich erwähnen, dass heute Abend kaum richtige Blasinstrumente zur Probe erschienen waren. Die Saxophone waren so gut wie vollzählig anwesend, aber echtes Blech war dünn gesät: Zwei Posaunen (später dann drei) und zwei Trompeten. Hier rächte es sich übrigens, dass ich die Übungsdisziplin über Ostern (mit einem Vorlauf von etwa zwei Wochen) doch sehr hatte schleifen lassen. Nach dem ersten Stück wurde die Schicht zwischen Mundstück und Schneidezähnen merklich dünner. Ich muss unbedingt etwas für meine Lippenmuskulatur tun.
Bei der zweiten Nummer, Cactus, wurde mir plötzlich bewusst, was ich in den letzten Wochen so vermisst hatte: Die Rhythmusgruppe war wieder vollzählig anwesend und machte mächtig Dampf. Angespornt durch verhaltene Kritik unseres Bandleaders ("Frank, was du da machst ist noch ein bissl komisch") zeigten sie enorme Spielfreude, tolle Soli und ein sattes Blending. In der Pause hörte ich, wie ein Saxophonist zum anderen sagte: "Der Olli ist heute aber mächtig motiviert." Ich kann es bestätigen, und es hat mir gut gefallen! Die anderen drei haben mich aber ebenso beeindruckt - und das ganz besonders bei der Passage, die Sie im Bild sehen.
Abgebildet werden die Klaviernoten, aber diesen Sechzehntellauf haben Gitarre und Bass ebenfalls zu spielen. Die drei haben diese Stelle synchron gespielt, und das nicht nur einmal, sondern, wie wir bei SAP sagen, reproduzierbar. Für jemanden wie mich, der schon bei beschwingten Achteln ins Schwitzen gerät, ist das schon sehr beeindruckend.
Ich habe eingangs gesagt, dass es mir heute Abend gelungen ist, das Rampenlicht zu meiden und kaum einen Anpfiff unseren CMOs zu kassieren. Nur einmal wäre das Ganze fast schiefgegangen. Thomas hatte Cactus noch einmal im B-Teil beginnen lassen, und nach einem kurzen Blick auf die Noten (13 Takte Pause) zog ich meinen Notizblock hervor, um einige Gedanken für den vorliegenden Beitrag zu notieren. Plötzlich brach die Musik ab. Lähmende Stille. Dann die Stimme unseres CMOs, scharf, fordernd und unerbittlich im Ton, und leider in Richtung der Trompeten. "Könnt ihr mir mal verraten, warum ihr nicht mitspielt?" Hatte ich mich verhört?
Hatte er "C" statt "B" gesagt? War dies das Ende? Die Deckenscheinwerfer brannten unbarmherzig. Schweiß sammelte sich auf meiner Stirn. Meine Beine zuckten im mühsam unterdrückten Fluchtreflex. Plötzlich dann die erlösende Stimme von Rainer S. (4. Trompete): "Weil wir da Pause haben!" Also doch! "Na gut", erwiderte Thomas. "Da habt ihr ja noch mal Glück gehabt." Das war knapp. Tief empfundene Dankbarkeit breitete sich in mir aus.
Zum guten Schluss ließ Thomas das Stück Ohne Worte von Rainer Tempel auflegen und erklärte sich bereit, in Abwesenheit von Konsul Toni D. das Trompetensolo zu spielen.
Was soll ich sagen? Es war so schön. Und kostenlos! Manchmal muss man eben auch Glück haben.