Dass das so geil swingt: Probe am 22. April 2009

Der Frühling ist da, und alle Menschen sind fröhlich. Das heißt, genau genommen müsste ich sagen, fast alle Menschen sind fröhlich, denn auch wenn der Mittwoch Abend durch die Bigband-Probe und die anschließende Nachbesprechung zu meinen persönlichen Wochen-Highlights gehört, so war heute doch ein trauriger Mittwoch. Sie ahnen vermutlich schon, was los war: Unser verehrter El Presidente Ralf H., zukünftiger Alterspräsident der Band, konnte nicht an der Probe teilnehmen. Er war gezwungen, die Musik seinen beruflichen Verpflichtungen zu opfern, was nun mal vorkommen kann und nicht zu ändern ist.

Verständlicherweise verliert so ein Mittwoch Abend durch Ralfs Abwesenheit für mich allen Glanz und Reiz. Ralf ist ja nicht nur mein ewiger Kontrahent, was den Führungsanspruch in der Band angeht. Wir teilen uns auch eine Stimme (3. Trompete), und stehen in der Probe meistens nebeneinander (jawohl meine Damen und Herren, die Trompeten stehen zwei Stunden, während die Saxophone sich nicht nur ihre Gießkannen mit einem Riemen um den Hals hängen, sondern auch noch auf Stühlen sitzen).

Was das Kopf-an-Kopf-Rennen um die Präsidentschaft angeht, macht es einfach keinen Spaß, wenn Ralf nicht da ist. Meine PR-Beraterin (Frl. Czernatzke) hätte mir sicher geraten, seine Abwesenheit heute Abend zu einer infamen Intrige zu nutzen. In ihrem vielbeachteten Kommentar zum Probenbericht von vorletzter Woche schreibt sie:

Erlaube mir eine Randbemerkung: der Präsident, so zurückhaltend, das scheint mir gefährlich - hast du mal an einen kleinen Lauschangriff oder eine Mail-Überwachung nachgedacht - das ist grad in und wird von vielen Firmen erfolgreich praktiziert - kann also nicht verkehrt sein. Im schlimmsten Fall kommt es in die Zeitung und der Vorstand (in diesem Fall der Präsident) muss zurücktreten - oder die Kanzlerin spricht ein Machtwort oder so - kann aber nur gut sein für Dich oder einen etwaigen weiteren Kandidaten.

So weit Frl. Czernatzke. Aber ich weiß nicht so recht. Ethische Bedenken habe ich als eiskalter Karrierist natürlich keine, aber ist das wirklich notwendig? Soll man einen alten Kämpfer wie Ralf wirklich noch so hart rannehmen? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Kommen wir zum musikalischen Teil des Abends. Im Hinblick auf die anstehenden Auftritte hatte Thomas im Vorfeld der Probe eine Liste der Stücke bereitgestellt, damit die Musikerinnen und Musiker ihre persönliche Notenablage optimieren konnten.


Aus diesem Fundus (natürlich ein hochexplosiver Mix aus Latin, Swing und Blues) landeten heute Abend die folgenden Nummern auf den Pulten:
  • Hay Burner
    Das ist, zusammen mit Critic's Choice, meine Lieblingsnummer im Repertoire der Band. Thomas führte gleich bei diesem ersten Stück eine neue Masche ein, nach der alle Musikerinnen und Musiker die Viertel mit dem Fuß zu schlagen hatten. So ein bisschen mit den Zehen wippen wurde nicht akzeptiert. Es musste schon der ganze Fuß sein, "auch wenn es weh tut", so Thomas. Schlau
    meier, die entweder nur die zwei und die vier schlugen, weil sie meinten, sich im Swing auszukennen, wurden gleich abgestraft. Das gleiche Schicksal erlitten diejenigen, die abwechselnd mit beiden Füßen zählten. Thomas machte tatsächlich mehrmals die Runde und schaute 19 Füßen beim Wippen zu.
  • Miss Fine
    Auch hier waren wir aufgefordert, den Takt mit den Füßen zu schlagen. Schmerzverzerrte Gesichter allenthalben, doch unser CMO bestand darauf, und prägte gleich einen neuen Fachbegriff: Beharrliches Taktschlagen mit dem Fuß werde irgendwann, so Thomas, dazu führen, dass wir unser
    "inneres Timing" entdeckten.
  • Cruisin' for a Bluesin'
    Bei dieser Nummer denke ich eigentlich immer
    nur daran, dass wir sie einmal ohne Vorbereitung auf dem Trompetenworkshop mit Ernie Hammes gespielt haben. Dabei habe ich eine dermaßen schlechte Vorstellung abgeliefert, dass es mir heute noch peinlich ist. Ernie hat mir zwar einige Zeit später eine CD von sich geschenkt, doch das könnte man auch als Akt des Mitleids interpretieren. Noch peinlicher als meine damalige Performance war allerdings die Aktion von Jochen R., der heute Abend, als Thomas das Stück für beendet erklärte, allen Ernstes fragte, ob wir es "nochmal spielen" könnten. Unglaublich! Hier scheint aus einer unerwarteten Richtung Konkurrenz heranzuwachsen. Thomas nahm den Vorschlag nämlich dankend an ("das nenne ich Einsatz"), und wir konnten die ganze Grütze nochmal spielen.
  • Critic's Choice
    Auf meinem Notenblatt von Critic's Choice habe ich einmal, nachdem mir irgend jemand die Tonart verraten hatte, die G-Blues-Tonleiter notiert. Thomas darf das aber nicht wissen. Deswegen meldete ich mich, als das Stück schon begonnen hatte, per Augenkontakt bei Thomas zum Solo. Dieser schüttelte aber mit ernster Miene den Kopf und forderte Harald S. zum Solo auf. Ich weiß nicht recht, aber mein Stern in der Band scheint gerade zu sinken. Schließlich durfte ich aber doch noch spielen, und durfte wieder einmal feststellen, dass gelegentliches Üben dem Erhalt der Lippenmuskulatur durchaus förderlich ist. Leider musste ich den Beweis per Kontraposition führen, denn über die Osterfeiertage hatte sich eine beklagenswerte Disziplinlosigkeit bei mir eingeschlichen, so dass ich die Hinterbacken beim Solo ganz schön zusammenkneifen musste. Es kam erschwerend hinzu, dass die Rhythmusgruppe während meines Solos eine ganz neue Definition von Solobreak ausprobierte, und stellenweise komplett Pause machte. So baut sich natürlich eine unheimliche Spannung bei den Zuhörern auf, denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Solist ins Straucheln gerät und abschmiert.
  • Miró on the Wall
    Hier handelte es sich um eine neue Swing-Nummer
    unseres Saxophonisten Peter H. Sie gab mir Gelegenheit, mich mit einer unglaublich intelligenten Frage hervorzutun: Als wir die Anweisung D.C. al Coda erreichten, fragte ich unseren Lead-Trompeter Michael K., leider zu laut und auch für einige andere hörbar, wo denn das Segno sei. Ich verzichte darauf, den Nicht-Musikern unter Ihnen zu erklären, warum das peinlich ist. Vertrauen Sie mir einfach, wenn ich sage, dass ich durch diese Frage bewiesen habe, ebenfalls zu den Nicht-Musikern zu gehören.
  • Fever + L-O-V-E + Street Life
    Für diese drei Gesangsnummern ist Beatrix A. zu uns gestoßen, und sie hat wieder so schön gesungen, dass einem das Herz aufging. Besonders L-O-V-E war eine ganz große Sache, und Thomas forderte die Band folgendermaßen aus, den wunderbaren Gesang auch durch ein angemessenes Spiel zu unterstützen: "Ihr müsst euch ergötzen an der Geilheit, dass das so geil swingt." Tja, dem ist wohl nichts hinzuzufügen. Haben wir dann auch gemacht (uns ergötzt). Falls es bei Thomas mit der Laufbahn als Trompeter wider Erwarten einmal nicht mehr so gut laufen sollte, steht ihm ohne Zweifel eine große Zukunft als Aphorismenschreiber offen. Oder als Sänger: Er unterstützte Bea heute Abend mit einer Art Oberstimme, im Falsett nach Art eines Robin Gibb ausgeführt, und zeigte durchaus Potenzial als Vokalist. Außerdem bot er eine Reihe von Tanzeinlagen, die zwar stellenweise ein wenig nach Tele-Aerobic aussahen, aber ebenfalls ausbaufähig waren.
Etwas überraschend kam heute Abend noch einmal das Thema "Uhren" auf den Tisch, denn Konsul Toni D. präsentierte sich mit einem neuen Schwergewicht am Handgelenk, was mir von Thomas S. prompt als Vorbild unter die Nase gerieben wurde. Meine kürzlich erworbene Casio war bei ihm durchgefallen (wir berichteten).

Deswegen beschlossen Toni und ich, die Weltöffentlichkeit zu diesem Thema zu befragen (das sind Sie, meine Damen und Herren). Hier ist also ein Foto von verschiedenen Uhren, die allesamt heute Abend von Bandmitgliedern getragen wurden. Sie sind nun aufgefordert, per Kommentar zu diesem Beitrag (auch anonym möglich) abzustimmen. Wählen Sie einfach die schönste Uhr durch Angabe der Nummer (von ganz links = 1 bis ganz rechts = 5). Wem die Uhren gehören, wird nächste Woche verraten.



Abschließend ist noch zu berichten, dass das Keyboard von Frank W. (ein echtes nord, über das wir auch schon ausführlich berichtet haben) in dieser Probe auf neuen Beinen daherkam. Der alte Kreuzständer wurde durch Original-nord-Beine ersetzt:


Bitte würdigen Sie diese Tatsache entsprechend. Den Klang hat es meinem Empfinden nach nicht beeinflusst (fantastisch wie immer), aber angeblich wackelt es jetzt nicht mehr. Wir freuen uns. In diesem Sinne: Alles Gute und bis nächste Woche.

Latin war gestern: Probe am 9. April 2009

Die Overdubs für unsere CD-Aufnahme sind seit letztem Samstag im Kasten, und jetzt liegen die Geschicke des neuen Albums in den Händen von Jakob H. und Thomas S., die das Ganze abmischen. Wieviele Monate intensiven Latin-Studiums liegen nun hinter uns? Wer vermag sie zu zählen? Es war eine lange Zeit.

Wenn eine Gruppe eine anstrengendes Projekt beendet hat, ist es die Aufgabe einer jeden Führungspersönlichkeit, neue Wege aufzuzeigen. Sonst drohen die Projektteilnehmer in ein schwarzes Loch zu fallen. Und wie kann man seine Mitarbeiter am besten von trübsinniger Grübelei abhalten? Unser CMO Thomas S. weiß, wie es geht: Man gibt ihnen eine anspruchsvolle Aufgabe. Dabei versteht es sich aber von selbst, dass man erst einmal nicht direkt mit dem Mitarbeitern interagiert, sondern die operative Umsetzung in die Hände eines bewährten Assistenten legt.

Deswegen erreichte mich heute Mittag folgende E-Mail von unserem CMO, vermutlich mit einer Hand auf dem Blackberry getippt, während die andere Hand 325 PS durch die Mannheimer Downtown steuerte.

Von: Thomas S.
An: Hendrik A.
Gesendet: Mi 08.04.2009 12:13
Betreff: prg heute abend

schickst du das bitte rum damit die noten da
sind für heute Abend

cruisin for

miss fine
critic's choice
sussudio/pick up the pieces

danke thomas

Freunde und Kenner der SAP BIG BAND erkennen natürlich, dass sich hier nicht um moderne Lyrik handelt ("Cruisin for Miss Fine"), sondern um eine Liste von Stücken, hinter der sich gleich zwei anspruchsvolle Aufgaben verbergen: Zunächst einmal galt es, nach vielen Monaten Swing- und Blues-Entzug, den Schalter im Kopf wieder umzulegen, Mambo, Samba und wie sie alle heißen zu vergessen, bei Miss Fine cool zu swingen und bei Pick Up the Pieces so richtig funky zu spielen. Und zweitens waren die Musikerinnen und Musiker mit der Aufgabe konfrontiert, die Noten für diese Stücke zu finden.

In der Band kommen unterschiedliche Noten-Ablagesysteme zum Einsatz (numerisch, alphabetisch, in Einzelfällen vielleicht auch alphanumerisch), aber das vorherrschende System ist doch das gute alte Go-to-the-Bottom. Bei diesem System werden die Notenblätter eines Stückes, das man gerade gespielt hat, einfach oben auf den Stapel in einer Art Loseblattsammlung gelegt. Wenn das nächste Stück beendet ist, werden die Notenblätter in derselben Weise abgelegt -- einfach obendrauf. Auf diese Weise sinkt ein Stück, das länger nicht gespielt wird, langsam auf den Boden des Stapels und kann dort jederzeit abgeholt werden. Dieses System hat einen großen Vorteil: Die Musikerinnen und Musikern werden in die Lage versetzt, den Notenständer nach Beendigung eines Stückes extrem schnell leerzuräumen. Die gewonnene Zeit kann dann auch gleich eingesetzt werden, um Noten zu finden, die sich gerade in einer undefinierten Position zwischen Top und Bottom befinden. Allerdings kann Go-to-the-Bottom nur dann erfolgreich eingesetzt werden, wenn es genau einen Stapel gibt. Die zitierte Nachricht von Thomas spielt auf die Tatsache an, dass in Einzelfällen zwei Stapel existieren: Der Ich-glaube-das-sind-die Stücke-die-wir-gerade-spielen-Stapel befindet sich in der Notentasche, und der Das-Zeug-schleppe-ich-lieber-mal-nicht-mit-Stapel liegt zu Hause in der Garage auf den Winterreifen.

Da die meisten Bandmitglieder SAP-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sind, können sie sich auf Grund der Nähe zum Proberaum (das Foyer von Gebäude 5 in Walldorf) jeden Mittwoch bis kurz vor 19.00 Uhr ihrer persönlichen Wertschöpfungskette widmen, bevor sie dann zu spät zur Probe kommen. In diesem Konzept ist ein Schlenker über die heimische Garage natürlich nicht vorgesehen, und so durfte man gespannt sein, zu welchem Erfolg die Last-Minute-Info bezüglich der heute zu probenden Stücke führen würde.

Um es kurz zu machen: Ich ging noch etwas früher als sonst zur Probe, um nicht nur meine übliche Vorbereitung durchzuführen (Kantine aufschließen, damit die Herren und Damen Saxophone sich Stühle holen können; den Geschirrwagen im Foyer wegräumen; die Videoleinwand ausschalten), sondern auch, um die Stücke auf der Liste aus dem Notenschrank im Keller zu holen. Schließlich sind bald wieder Präsidentschaftswahlen in der Band, für die es Punkte zu sammeln gilt. Ebenfalls sehr pünktlich vor Ort war unser CMO, der in seiner Weisheit schon wieder neue Pläne geschmiedet und teilweise ganz andere Stücke im Kopf hatte, die wir dann zusammen aus dem Keller holten. Ich denke, damit ist der Wahlkampf für dieses Jahr eröffnet, Ralfi-Baby. Mit dem erfolgreichen CD-Aufnahme-Wochenende im Rücken habe ich natürlich einen mächtigen Vorsprung. Allerdings weiß ich gar nicht, ob ich noch einen Gegner habe. Normalerweise setzen Präsidenten in ihrer letzten Amtszeit ja noch einmal entscheidende Aktzente, um in die Geschichtsbücher aufgenommen zu werden. Darauf warten wir noch. Ich kann mir das eigentlich nur so erklären, dass mein ewiger Kontrahent Ralf H. im Verborgenen eine ganz große Nummer vorbereitet, um mich später mit einem Schlag wegzufegen. Auffällig ist auch, dass die Zahl seiner E-Mails stark abgenommen hat. Früher kamen an einem normalen Tag zwischen Mitternacht und 1.30 Uhr im Schnitt 12,5 E-Mails von Ralf. Davon ist nichts mehr zu sehen. Und da fragt man sich schon: Wenn er uns nicht mailt, wem mailt er dann? Ich glaube, er wird uns noch alle überraschen.

Kommen wir zur ersten Frage zurück: Wie kam die Band nach Monaten voller südamerikanischer Rhythmen mit einem ganz anderen Repertoire zurecht? Den Anfag machte Cruisin' for a Bluesin'. Im ersten Durchgang hatte Konsul Toni D. ein sehr gutes Solo gespielt, und für den zweiten Durchgang hatte ich mich für ein Trompetensolo gemeldet. Da weit und breit keine Vorzeichen zu sehen waren, ging ich von einem C-Blues aus und dachte angestrengt nach, welche Töne dazu passen würden. Mir war aber nicht mehr klar, wie das genau mit der verminderten Fünf und der Sieben und überhaupt war, so dass ich mich nicht sicher fühlte. Wenige Sekunden vor dem Solo hörte ich dann von Toni, dass es sich um einen F-Blues handelte. Da blieb natürlich keine Zeit mehr, die passenden Noten zu ermitteln, so dass ich einfach nach Gehör spielte, was aber überraschenderweise zumindest nicht völlig daneben ging. Nach den Overdubs für die CD, bei denen ich nach etwa 38 Takes ein paar halbwegs brauchbare Fragmente abgeliefert hatte, war das eine wohltuende Erfahrung. Übrigens hatte ich bei dem zusätzlichen Overdub-Termin am vergangenen Sonntag eine weitere Chance, mein Solo bei El Centro einzuspielen, und Thomas kommentierte meine Leistung heute Abend treffend: "Es war die gleiche Grütze, aber mit besserem Ansatz." Na also! Ich denke, dass ich auf einem guten Weg bin.

Thomas schaffte es heute Abend schon beim ersten Stück (Cruisin'), zahlreiche Musikerinnen und Musiker zum Solospiel zu animieren, und man muss sagen, dass alle ihre Sache gut gemacht haben, und Thomas muss man zu diesem Schachzug gratulieren. Es war genau die richtige Maßnahme nach all der Konzentration und Exaktheit einer CD-Aufnahme. Besonders hervorzuheben ist Harald S., der für mein Gefühl mit seinen Soli dem Charakter der Stücke in besonderer Weise gerecht wurde (zum Beispiel bei Pick Up the Pieces oder Street Life).

Pick Up the Pieces war auch insofern interessant, als Martin W. (trb) eine philosopische Diskussion vom Zaun brach: Ein bestimmter Abschnitt im Notenbild war sowohl mit Wiederholungszeichen markiert als auch mit "Repeat 3 X's" überschrieben. Mögliche Auslegungen:
  • Mathematisch: (1 Abschnitt + 1 Wiederholung) * 3 = 6 Durchgänge
  • Pragmatisch: "Der Abschnitt wird eben nicht zwei-, sondern drei Mal wiederholt."
Als wir uns endlich auf die pragmatische Interpretation geeinigt hatten und weiterspielen wollten, kehrte Jürgen H. kurzerhand zur Ausgangsfrage zurück, und erkundigte sich, wie oft der Abschnitt denn wohl zu spielen sein. Entsprechende Kritik ("das haben wir doch gerade lang und breit besprochen!") ließ er routiniert an sich abprallen: "Ich kann es mir erlauben, ich habe es ja richtig gespielt." Jawoll! Das beweist Klasse. Wächst hier der nächste Präsident der Band heran? Ich würde mich nicht wundern.

Eine meiner Lieblingsnummern, Hay Burner, konnte leider nicht gespielt werden, weil die Noten bei zu vielen Probenteilnehmern auf dem Winterreifenstapel lagen. Ich war deswegen sehr traurig, aber das interessiert ja sowieso niemanden.

Sehr schön war Miss Fine -- ich träume ja seit Jahren davon, einmal das Trompetensolo spielen zu dürfen (zumindest in der Probe), doch Toni stand wie ein Fels in der Brandung, und das zurecht: So wie er werde ich es nie spielen können. Eine wirklich fantastische Leistung lieferte aber Jens W. (git) bei diesem Stück ab: Gegen Ende haben die Trompeten ausgiebige Shakes zu spielen, die gute Trompeter mit Zunge und Lippen ausführen, während Verlierer wie ich einfach die ganze Trompete so schütteln, dass der Ton in Schwingung gerät, aber die Schneidezähne keinen Schaden davontragen. Und was machte Jens? Er spielte die Shakes auf der Gitarre mit. Dabei kamen aber nicht Zunge und Lippen zum Einsatz, sondern eine mandolinenartigen Technik, die in der europäischen Jazz-Szene sicher noch von sich reden machen wird.

Nach der Probe begann die übliche Diskussion, in welcher Lokation die Nachbesprechung durchzuführen sei. Edda S. regte an, etwas Neues auszuprobieren, und schlug den "Italiener unten in der Astoria-Halle" vor. Der Vorschlag wurde angenommen, und mit Hilfe einer etwas diffusen Wegbeschreibung landeten wir zwar alle auf demselben Parkplatz, aber nicht im selben Lokal. Eine Splittergruppe, bestehend aus Ralf H., Anja R. und mir wäre fast in einem Lokal namens "Thessaloniki" gelandet, wobei Thessaloniki ja streng genommen nicht in Italien liegt. Ein kurzer Anruf bei unserem CMO führte uns dann auf den rechten Weg, und es stellte sich heraus, dass Eddas "neuer Italiener" einen wirklich landestypischen Namen für sein Restaurant gewählt hatte: "Lokalderby". Respekt. Und die Speisekarte legte ein vorbildliches Zeugnis davon ab, dass die europäische Gemeinschaft auch kulinarisch zusammenwachsen muss: Wenn sich die italienische Küche für Schnitzel mit Pommes, Bratwurst mit Bratkartoffeln und gemischten Salat mit Maultaschen öffnen kann, ist mir um Europa nicht länger bange.

Thomas kam bei der Nachbesprechung (im Hinblick auf meine demnächst erscheinenden Bücher) mal wieder auf meine Frisur zu sprechen, die einfach zu brav sei. Man müsse da unbedingt was machen. Nun bin ich aber ja auch ein sehr braver Typ, doch ich will meinem väterlichen Freund und Mentor hier nicht wiedersprechen. Deswegen tue ich, was ich kann, und lasse die Haare wachsen. Vielleicht wird ja noch was draus.

Die übrigen Themen der Nachbesprechung waren eher internen Charakters und sollen hier keine Erwähnung finden, denn schließlich ist dieses Blog landauf, landab für seine fast schon sprichwörtliche Diskretion bekannt. Nächste Woche findet übrigens keine Probe statt, aber am 22. April geht es wieder rund. Bis dann ...

Nach der Aufnahme ist vor der Aufnahme: Probe am 1. April 2009

Heute war der Tag X. Die Stunde Null. Eine Zäsur im Leben und Wirken der SAP BIG BAND. -- Häh? Was soll das Gefasel? Wovon spricht der Achenbach da?

Nun, heute war die erste Probe nach der CD-Aufnahme. Und wenn Sie dieses Blog regelmäßig lesen, wissen Sie, das alles, was wir in den letzten Monaten gedacht, gespielt, geprobt, geschrieben und geplant haben, immer "vor der CD-Aufnahme" und auf diese bezogen war. Diese Aufnahme ist nun (seit dem vergangenen Wochenenende) zu einem großen Teil im Kasten. Die Ausnahme bilden Percussion und einige Soli, die am kommenden Wochenende noch eingespielt und dann -- Achtung Fachbegriff -- overgedubbed werden. Oder heißt es geoverdubbed? Ich weiß: Sie werden der Aufnahme per Overdub hinzugefügt. Wozu hat man schließlich Germanistik studiert!

Jetzt beginnt also die Zeit des Wartens. Der Band liegen bereits MP3-Dateien vor, die eine Rohfassung der Aufnahme enthalten. Diese sind jedoch vertraulich zu behandeln, und selbst gegen hohe Geldbeträge nicht erhältlich. Es wird aber vielleicht gar nicht so lange dauern, bis die fertig gemischte Aufnahme in den Plattenläden und Downloadportalen erhältlich ist. Meinem Aufruf vom 18. März, Ideen für den Titel des neuen Albums einzureichen, ist übrigens niemand gefolgt. Jetzt ist es schon fast zu spät, denn wenn nicht noch ein absoluter Weltklassevorschlag eingereicht wird, werden wir den heute Abend gefassten Plan umsetzen, demzufolge die CD, wie sich das für ein Latin-Album gehört, Remo Nel Bosu heißen wird. Moment, nein, da stimmt was nicht. Irgendwie sind uns die Buchstaben durcheinandergeraten. Das kommt davon, wenn man die Konzeptdiskussionen entweder zu nachtschlafender Zeit per E-Mail oder in einem Lokal führt, in dem es so laut ist, dass man nur die Hälfte verstehen kann. An der Reihenfolge der Buchstaben müssen wir also noch arbeiten. Aber ansonsten wird dies der Titel der neuen Scheibe, davon bin ich überzeugt.

Bevor wir kurz auf die heutige Probe zu sprechen kommen, die vor dem Großereignis der CD-Aufnahme natürlich ein wenig verblassen muss, möchte ich Ihnen einen blitzlichtartigen Rückblick auf die CD-Aufnahme bieten -- wie immer äußerst subjektiv und aus meinem eigenen Erleben heraus:
  • Tag 1 (Samstag): Eine äußerst disziplinierte Band läuft auf, der man anmerkt, dass es nicht die erste Aufnahme ist. Gelegentliche Ausnahmen wie die folgende bestätigen nur die Regel: Das Band läuft. Unser CMO Thomas S. zählt ein Stück ein: "One, two, one two three" -- es wäre mit "four" weitergegangen, doch bei "three" entleert ein Musiker ganz spontan sein Instrument, in welchem sich Kondenswasser angesammelt hat (das mit der Spucke ist ein Gerücht), in dem er es kräftig in Richtung Mikro durchpustet. RHCHRHCHRHHRHRHRHCHCHCH. Die Band beginnt zwar noch zu spielen, indem sie sich das "four" einfach denkt, doch nach den ersten Takten winkt der CMO ab. Seine Schultern zucken. Er ringt um Fassung! Weint er? Nein, es ist ein Lachkrampf. In Windeseile steckt er den Rest der Band an. Alles grölt. Ich mache mir schon Sorgen, ob man den Haufen wieder unter Kontrolle bekommen wird, aber da ich selber wiehere wie ein Pferd, ist mir das eigentlich dann doch egal. Irgendwann aber wieder entspannte Stille, und die Aufnahme geht weiter.
  • Der Abend des ersten Aufnahmetages: Nach etlichen, über den Tag hinweg verteilten Kommentaren ("Hendrik, dein Haar liegt heute aber gar nicht") fühle ich, dass es an der Zeit ist, die nächste Phase im Projekt Jogi-Löw-Übergangsfrisur einzuleiten. Im geschützten Raum des häuslichen Badezimmers fällt ein Teil der Haarpracht, um mit einem modischen Stufenschnitt Raum zu schaffen für Neues. Am nächsten Tag fahre ich so zur Aufnahme. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Man bemerkt auch eine Veränderung an mir. Das Feedback fällt jedoch unterschiedlich aus: Von "das hat sie aber gut gemacht" bis hin zu "das sieht aber net gut aus". Doch letztendlich, meine Damen und Herren, Sie wissen es, zählt nur die Meinung von Thomas S. Und dieser sagt: "Du siehst aus wie ein Mönch", und nennt mich für den Rest des Tages "Bruder Hendrik". Abends sagt er: "Hendrik, wir müssen da unbedingt was machen." Das ist allerdings noch kurz bevor ich meine Plastikhose und die Nylonweste aus dem Rucksack ziehe, um mich für die Heimfahrt auf der Vespa bei unter fünf Grad zu wappnen. Das gibt ihm den Rest. "Vespa fährt man in einer normalen Jeans! Und zieh diese Weste aus!" (Er selbst tritt kurze Zeit später die Heimfahrt im beheizten Porsche an, und tauschen will er nicht.)
  • Zweiter Aufnahmetag, etwa 16.00 Uhr: Die Aufnahmen mit der Gesamtband sind im Kasten, und einige Soli werden eingespielt. Ich darf auch eins spielen, und zwar bei El Centro. Kurz vorher habe ich unseren CMO noch um Rat gefragt, und er hat mir auch bereitwillig Tipps gegeben, obwohl er bei meinen Fragen ("Welche Töne passen da? Ist es OK, wenn ich nicht so hoch spiele? Wieviele Kreuze hat C-Dur?") manchmal am Sinn des Ganzen zweifeln muss. Nun stehe ich ganz alleine auf der weitläufigen Bühne des SAP-Audimax', mit zwei riesigen Kopfhörermuscheln auf den Ohren. Im Ohr die Stimme von Jakob H., unserem Toningenieur, der mit seiner ganzen Technik vor der Tür des Saales Stellung bezogen hat. "Es geht dann gleich los, OK?" Ich mache mich bereit, und die letzten Takte vor der Soloform erklingen. Dann geht es los. 32 Takte! Viel zu lang für mich. Ich spiele um mein Leben, und es sind schon passende Töne dabei, aber auch viel Grütze. Macht ja nichts, Overdubbing heißt ja, dass man es (technisch gesehen) beliebig oft versuchen kann. Praktisch wird die Zahl der Versuche allerdings durch die Zeit und Geduld von Toningenieur und Bandleader eingeschränkt. Außerdem steigert jeder weitere, nur teilweise gelungene Versuch meine Verzweiflung. Gefühlte 10 Runden später höre ich Jakobs Stimme in meinem Ohr: "Warte kurz, ich biete dir mal was an." Und wirklich, einige Minuten später höre ich mich selbst im Kopfhörer. Gar nicht übel! Kurz darauf betritt Thomas S. den Saal, und es findet der folgende Dialog statt:
    Thomas: "Das hast du alles gespielt! Nur nicht am Stück. Hehe."
    Hendrik: "Ist das nicht unredlich, ein Solo so zusammenzuschneiden?"
    Thomas: "Du würdest dich wundern, wer das alles macht."
    Hendrik: "Na dann ist gut."

Vor dem Hintergrund all dieser Erlebnisse muss ich die Warnung, die ich im letzten Probenbericht ausgesprochen habe, mit aller Entschiedenheit zurücknehmen. Kaufen Sie diese CD! Kommen wir aber dann doch noch kurz zur heutigen Probe. Nach der Aufnahme, so zeigte sich, ist vor der Aufnahme, denn Thomas widmete den Abend den Solisten, die am kommenden Samstag ihre Soli einspielen dürfen. Diese im einzelnen durchzugehen, würde den Rahmen dieses Berichts sprengen, und es wird auch viel unterhaltsamer sein, wenn Sie die Soli anhand der CD durchgehen -- ich verspreche Ihnen, dass viele tolle Sachen dabei sein werden.

Erwähnenswert ist der Beitrag von Jürgen H., der bei Why Not ein sehr passables Solo spielte. Nach einige Durchgängen gestand er allerdings, dass es sich teilweise nicht um Improvisation, sondern um ein vornotiertes Solo handelte, das -- wie könnte es bei SAP auch anders sein -- mit der Unterstützung einer cleveren Software entstanden war. Also ich muss sagen, mir gefiel das sehr gut, und es kommt ja auch immer darauf an, wie man so eine Vorlage interpretiert. Unser CMO Thomas S. allerdings bestand heute Abend auf einem improvisierten, gleichsam der Genialität eines heißen Moments entsprungenen Solo, und dies wird er auch am Samstag tun. Ich muss ihn also im entscheidenden Moment ablenken, damit er nicht auf die Idee kommt, Jürgen nach Spickzetteln abzusuchen.

Unvergleichlich ist auch die Art und Weise, wie unser CMO heute Abend durch die Reihen ging, und den einzelnen Solisten Tipps für ihre Improvisationen gab. Thomas ist ja für seine plastischen Formulierungen bekannt, und wenn ihm auch jede Grobheit wesensfremd ist, so liegt es doch im Bereich des Denkbaren, dass er darauf hinweist, wenn jemand einen falschen Ton spielt. Heute Abend, als es darauf ankam, wusste er seine Kritik aber so zu verpacken, dass sie nicht nur korrigierend, sondern auch motivierend wirkte. Ein Beispiel gefälllig? An einer Stelle sagte er anlässlich eines Trompetensolos zum ausführenden Musiker, während er erklärenderweise einige Stellen auf dem Notenblatt hervorhob: "Hier beharrst du auf einem 'h', was schwierig ist. Und hier beharrst du auch auf einem 'h', was genauso schwierig ist." Merken Sie was? Natürlich läuft es letztendlich darauf hinaus, dass im Solo an mehreren Stellen ein 'h' vorkam, obwohl die jeweiligen Akkorde dies nicht vorsehen, es sich letztendlich also um falsche Töne handelte. Aber indem Thomas diese verbal als zu meisternde Schwierigkeit präsentiert, motiviert er den Musiker, es doch zur Abwechslung einmal mit einem 'einfacheren' (= richtigen) Ton zu probieren, und schon stimmt die ganze Sache. Es wäre ja eher unangemessen, in diesem Blog plötzlich ernsthafte Töne anzuschlagen, aber ich spreche Thomas für die Art und Weise, wie er als Profimusiker uns Hobbysolisten unter die Arme greift und uns den rechten Weg weist -- egal wie gut oder schlecht wird sind, auch wenn wir uns nur vier Töne am Stück merken können -- ein großes Lob aus.

Die Probe endete recht früh, so gegen 21.00 Uhr, als alle Solisten glücklich waren, und wir konnten mit der Nachbesprechung beginnen, die uns diesmal wieder ins Walldorfer La Tortuga führte. Ich weiß nicht, was das Huhn zu Lebzeiten geraucht hat, aber die Chicken Wings, die ich mir dort zu Gemüte führte, waren unglaublich lecker. Ich konnte mich kaum auf die Diskussion konzentrieren, die sich um das Thema "CD-Cover" drehte. Der Inhalt des Gesprächs fällt natürlich unter die höchste Bigband-Geheimhaltungsstufe. Ich werde aber in den nächsten Wochen an dieser Stelle weitere Details enthüllen. Und irgendwann werden Sie die neue CD dann in den Händen halten -- im Idealfall natürlich, während Sie einen unserer nächsten Auftritte besuchen. In diesem Sinne: bis bald!