Natürlich ein Zufallstreffer: Probe am 29. Juli 2009

Nach einem sehr erfolgreichen Auftritt in Hirschberg am vergangenen Sonntag fand heute gleich die Generalprobe für das nächste Konzert statt (Eschborner Summertime, 5. August). Wir haben in letzter Zeit einige Instrumentalgigs gespielt und können uns jetzt darauf freuen, in Eschborn wieder ein gesangsorientiertes Programm aufzuführen. Natürlich wird es aber auch dort Instrumentalstücke mit vielen improvisierten Soli geben.

Ich selbst hatte mich im Vorfeld einigermaßen weit aus dem Fenster gelehnt, indem ich Thomas per E-Mail angekündigt hatte, bei Why Not einmal ein Solo spielen zu wollen. In den Noten sind die sogenannten "Changes" (das ist Jazz-Speak für "Akkorde" oder "Harmonien") als Hilfestellung für den Solisten notiert, und diese sind bei Why Not schon ein wenig komplexer als in den Stücken, bei denen ich mich sonst traue, Solo zu spielen und mit der Faustregel "1. Ventil abwechselnd drücken und loslassen" eine vertretbare Trefferquote an richtigen Tönen erziele . Ich bin nämlich vollkommen unfähig, den Changes irgendeine verwertbare Information abzugewinnen. Da wir heute Abend auch noch einen Zuhörer hatten, der die Band kennenlernen wollte, war ich mir plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob die Idee mit dem Solo so gut war. Ich begann zu transpirieren. Was würde geschehen?

Thomas kündigte das Stück wie folgt an: "So, dann versuchen wir mal die Soloform bei Why Not. Der Hendrik würde da nämlich gerne ein Solo spielen. Dann werden wir uns das also mal anhören und sehen, ob es uns gefällt." Ich schloss die Augen und hoffte auf das Beste. Es gelang mir tatsächlich, die zu Hause einstudierten Töne an den vorgesehenen Stellen hervorzubringen, und Thomas ließ sich immerhin zu folgender Beurteilung hinreißen: "Nicht schlecht, aber das könnte natürlich ein Zufallstreffer gewesen sein. Dann probieren wir das doch gleich auch in Eschborn." Was heißt hier "könnte"? Der Zufall ist mein ständiger Begleiter. Drücken Sie mir die Daumen, dass er auch mit nach Eschborn fährt und mich nicht im Stich lässt.

Eine der Gesangsnummern, die wir heute Abend probten, heißt Street Life. Es begab sich nun, dass im Saxofonsatz nicht alle Noten vorhanden waren. Thomas schaute mich eindringlich an und meinte: "Da müssten wir mal in den Keller gehen und nach den Originalen suchen." Was im Klartext bedeutete, dass ich mich in den Notenschrank abseilte, um eine ebenso erfolglose wie schweißtreibende Suchaktion zu starten. Da wir ohnehin noch auf unsere Sängerin Beatrix A. warten mussten, setzte ich mich anschließend ins Auto, um im Büro nach einer digitalen Kopie der Noten zu suchen und diese auszudrucken, was aber ebenfalls erfolglos verlief. Bei meiner Rückkehr - mein Deo hatte die Arbeit mittlerweile komplett eingestellt - fand ich aber zwei freudestrahlende Saxofonisten vor: Das fehlende Notenblatt war aufgetaucht. Es hatte sich offenbar nur in der Mappe versteckt. Also kehrte ich erschöpft, aber glücklich ("Alles für die Band") auf meinen Platz zurück.

Dann Street Life: Die Nummer hat wirklich einen unwiderstehlichen Rhythmus. Irgendwann begann unser Präsident Ralf H., der nicht nur als Trompeter, sondern auch als Tänzer weit über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus bekannt ist, einen unwiderstehlichen Disko-Fox hinzulegen und regte die anderen Trompeter dazu an, mitzumachen. Selbst Konsul Toni D. ließ sich anstecken und rief lauthals "Showtime", was bei Beatrix A. allerdings als "Stopp!" ankam, weshalb sie abrupt zu singen aufhörte. Thomas brach das Stück schließlich ab und informierte uns Trompeter darüber, dass wir "scheiße aussehen, wenn wir tanzen". Wobei wir natürlich auch nicht viel besser aussehen, wenn wir stillstehen. Trotzdem war es sicher richtig, dass unser CMO versuchte, die Situation zu deeskalieren, indem er Bea beruhigend zusprach: "Schau mich an Pia und alles wird gut." Warum er sie plötzlich "Pia" nennt, wird noch zu untersuchen sein.

Unsere Proben-Nachbesprechungen finden, von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen, immer in einem von zwei Lokalen statt. Entweder ist es das La Tortuga (Spanier, Walldorf Zentrum) oder das Tournedo (Italiener, etwas außerhalb). Gegen halb zehn stand ich vor dem Tortuga, nachdem ich die Terasse und die Innenräume des Lokals vergeblich nach einem bekannten Gesicht abgesucht hatte. Also flugs die Nummer unseres CMOs gewählt: "Hier ist die E-Plus-Mailbox von Thomas Siffling." Also aufgelegt und flugs die Nummer von Toni D. gewählt:

"Hier Büro Deimel."
"Äh, ja, hier ist Hendrik A. Ich wollte eigentlich den Toni sprechen?"
"Ja, der Toni ist zur Zeit sehr beschäftigt."

Ich begann ernsthaft darüber nachzudenken, warum Toni sein Handy während der Probe im Kürbiskernbüro liegen lassen würde, als mir plötzlich klar wurde, dass ich nicht mit dem Kürbishof verbunden war. Vor meinem geistigen Auge erschienen Thomas S., Olli B., Toni D., Frank W., Michael K., Jens W., Ralf H. und Edda S., letztere mit Tonis Handy am Ohr und sich als seine Angestellte ausgebend. Und zwar im Tournedo, während ich vor dem Tortuga herumstand. Manchmal mache ich mir schon Sorgen um mich.

Schließlich habe ich die Jungs (und das Mädel) aber doch noch gefunden, und durfte Zeuge werden, wie Jens W. die reizende Bedienung des Tournedos mit großer Gelassenheit bat, ihm einen Tortuga-Salat zu servieren. Der Gute weiß also auch manchmal nicht, wo er ist. Ich fühle da eine gewisse Seelenverwandschaft. Wenigstens einer, der mich versteht.

Hochmut kommt vor dem Fall: Probe am 22. Juli 2009

Wenn Sie hier öfters mal vorbeischauen, werden Sie festgestellt haben, dass sich in letzter Zeit die Generalproben häufen. Das liegt daran, dass die Band zur Zeit erfreulich viele Auftritte hat, was aber auch nötig ist. Schließlich blicken wir auf eine extrem teure CD-Produktion zurück, die von einem extrem teuren Bandleader geleitet wurde. Und unserem CMO Thomas S. soll es schließlich an nichts fehlen. Dafür legen wir uns gerne ins Zeug.

Heute Abend fand also die Generalprobe für den Auftritt in Hirschberg am kommenden Sonntag (Musik in historischen Mauern) statt. Unser Drummer Olli B. hatte für heute Abend eine Überraschung angekündigt, und siehe da: Er präsentierte sich mit einem funkelnageneuen Drumset (Schlagzeug darf ich nicht sagen, sonst schimpft Thomas) von SONOR/SQ2 - dem Rolls Royce unter den Trommeln. Der Mann muss in den letzten Jahren ungeheure Boni eingefahren haben, um sich so etwas leisten zu können. Thomas ließ es sich nicht nehmen, das neue Set persönlich einzuspielen und urteilte über Ollis Performance: "Etwas runder im Klang" (okay kann sein) und "etwas leiser" (Olli und leiser, ja nee is klar).

Musikalisch gesehen beschäftigten wir uns nur mit einer Auswahl der Stücke für Sonntag, weil das Programm sich nicht sehr stark von dem der letzten Auftritte unterscheidet. Es ging los mit Magnum - ein Stück, das für die Trompeter ein besonderes Feature bereithält, die "Trumpet Battle". Wenn wir das Stück in der Probe spielen, drehen die Posaunen sich immer um und warten, dass wir auf die Nase fallen. Heute Abend dann die Katastrophe: Leadtrompeter Michael K. und Ausnahmetrompeter Ralf H. waren beide nicht anwesend. Rainer, Toni und ich kopfüber in die Trumpet Battle, mächtig viel geghostet und anschließend bloß nicht zu Thomas rübergeblickt. Na ja. Man kann nicht immer gewinnen.

Glücklicherweise richtete sich die Aufmerksamkeit unseres CMOs kurz vor dem nächsten Stück, Walkin' TipToe, auf unseren Pianisten Frank W., der eigentlich nur das gemacht hatte, was alle in der Pause zwischen zwei Stücken machen: Gaaaanz langsam die Noten suchen und möglichst viel mit dem Nachbarn schwätzen. Für dieses Vergehen wurde Frank dann von Thomas exemplarisch zusammengefaltet und revanchierte sich sehr stylisch mit einer tadellosen musikalischen Performance.

Beim nächsten Stück, dessen Titel ich ein dreiviertel Jahr lang falsch ausgesprochen habe (El Centro = El ßentro <> El Dschentro), überraschte Jens W. mit einem äußerst innovativen Gitarrensolo. Sie sollten sich wirklich überlegen, ob sie sich das am Sonntag entgehen lassen wollen. Kommen Sie lieber nach Hirschberg. Thomas ließ sich nach diesem Stück zu höchstem Lob hinreißen: "Das war das erste Mal, dass die Coda geklappt hat." (Ich muss mir noch mal anhören, was auf der CD in der Coda passiert. Aber vielleicht wurde das ja am Schneidetisch korrigiert.)

Unser heutiger Gast, der Saxofonist Michael G., der früher regelmäßig mitgespielt hat, meldete sich bei Quiet Night of Quiet Stars (Corcovado) mit einem eindrucksvoll gespielten Feature zurück. Wir müssen neidlos anerkennen, dass er es offenbar noch kann, obwohl er sich dem förderlichen Einfluss der Band vorerst entzogen hat. Wir haben uns jedenfalls mächtig gefreut, dass er mal wieder dabei war.

Nach all diesen Highlights hatten wir natürlich mächtig Oberwasser, aber leider kam dann auch prompt der tiefe Fall: Bei Starsky & Hutch brach Thomas das Stück irgendwann ab, schlug auf den Tisch und brüllte: "Nach 2 Takten kommt eine verdammte Scheißorgel! Paul sag jetzt nix." Man muss dazu sagen, dass unser Baritonmann Paul C. heute Abend ein wenig angeschlagen war, aber trotzdem mit bester Laune und der gewohnten Lust am Kommunizieren erschienen war. In diesem Fall verstummte jedoch selbst er, und Frank W. verkroch sich so gut es ging hinter seiner verdammten Scheißorgel. Aber beim nächsten Durchgang hat es dann wunderbar geklappt, und das wird es auch am Sonntag! Wir freuen uns schon darauf, Sie dort zu sehen.

Besser keine Grütze: Probe am 8. Juli 2009

Die Band ist zwar schon elf Jahre alt, doch es gibt immer noch Premieren in unserem Probenalltag - Dinge, die so noch nicht da gewesen sind. Heute war es mal wieder so weit: Die Generalprobe für den Auftritt auf dem SAP CUP am 11. Juli fand mit Thomas statt, aber der Auftritt wird ohne ihn stattfinden. Klingt komisch. Ist aber so. Dazu später mehr.

Der Abend begann für mich persönlich damit, die Anlage (Mischer, Boxen, Stative, Mikrofone, Kabel) verladefertig zu machen, denn der SAP CUP ist einer von diesen Gigs, bei denen wir unsere Anlage mitbringen müssen. Nicht schön. Ist aber so. Zum Glück hatte ich tatkräftige Unterstützung von Iron Man Jens W., der mit denselben Armen, Fingern und Händen, die normalerweise die Gitarrensaiten liebkosen, grob geschätzt 385 Kilo an Stativen die Treppe hoch trug, während ich den Rest mit dem Aufzug nach oben schaffte.

Musikalisch gesehen war die Aufgabenstellung des heutigen Abends eigentlich von überschaubarer Komplexität: Einfach das Programm von vorne nach hinten durchspielen. Allerdings gab es da das Problem, dass Thomas sich - völlig untypisch für ihn - zurückhalten musste, denn am Samstag müssen die Einsätze und Soloformen ja ebenfalls ohne ihn funktionieren. Es fiel ihm sichtlich schwer, man konnte es sehen! Normalerweise begleitet er unsere Performance mit einer expressiven Gestik und Mimik, und auch der Zwischenruf ist ihm als erzieherisches Mittel nicht fremd. Heute nichts dergleichen: Ein lammfrommer Blick, die Hände hinter dem Rücken und kein Mucks. Stellenweise entfernte er sich sogar vom Ort des Geschehens und drehte auf dem Rollwagen, mit dem wir die Anlage nach oben transportiert hatten, eine Runde durchs Foyer. Selbst wenn die Trompeten (das ist natürlich nur ein Beispiel) einen Einsatz verpassten, reagierte er kaum. Nach dem Ende einiger Stücke entlud sich die aufgestaute Energie aber stellenweise doch. Zitat: "Hört ihr auch zu, ihr Ochsen! Wenn das in die Hose geht am Samstag, gibt es ein paar hinter die Eier. Äh, Ohren." Der Freudsche Versprecher zeigt zum einen, wie sehr es Thomas mitgenommen haben muss, sich zurückzuhalten. Zum anderen zeigt er, dass wir am Wochenende besser keine Grütze spielen sollten, denn irgendwie würde er es erfahren. Irgend jemand würde quatschen, und dann bliebe kein Ei, Entschuldigung, Stein mehr auf dem anderen und kein Auge trocken. Also machen wir unsere Sache lieber gut.

Zum Glück hat Olli B., unsere lean mean drum machine, sich bereit erklärt, den Chef am Samstag zu vertreten und den Ablauf vom Schlagzeug aus zu steuern. Das haben wir jetzt schon in zwei Proben geübt, und er hat seine Sache hervorragend gemacht. Natürlich kann man unseren wunderbaren CMO Thomas S. nicht einfach so ersetzen (ich werde gezwungen, so etwas zu schreiben), aber darum geht es ja auch gar nicht. Mir ist übrigens schleierhaft, wie Olli das macht. Einige von uns haben schon Probleme, den Überblick zu behalten, wenn sie auf exakt einem Instrument exakt eine Stimme spielen müssen (Stichwort: Wo ist das Segno?) Vermutlich ist ein Schlagzeuger aber gar nicht so schlecht für diesen Job geeignet, denn wenn man mit seinen vier Gliedmaßen gleichzeitig unterschiedliche Dinge in unterschiedlichen Geschwindigkeiten tun kann (können Schlagzeuger sich eigentlich gleichzeitig die Zähne putzen und rasieren?), macht es auch nichts mehr aus, dabei noch eine Big Band im Blick zu behalten.

Mist. Ich habe im vorherigen Absatz mehrmals das Wort "Schlagzeuger" verwendet. Ich darf laut Thomas aber nur "Drummer" sagen. So ein dummer Fehler, wo ich doch ohnehin schon verzweifelt um Anerkennung buhle. Dabei sah es heute Abend kurzzeitig gar nicht schlecht für mich aus, denn nach meinem Solo bei Critic's Choice fragte Thomas mit zumindest halblauter Stimme: "Hast du heimlich geübt?" Meine Damen und Herren, ich war im siebten Himmel! Mehr Anerkennung werde ich von ihm wohl nie bekommen. Um den guten Eindruck nicht gleich wieder zu zerstören, lehnte ich beim nächsten Stück, El Centro, das Trompetensolo ab und bekam zu hören: "Dann machen wir halt ein Gitarrensolo. Der Jens spielt immer gerne." Wäre es besser gewesen, zu spielen und zu versagen? Man weiß es nicht. Ich habe das Solo zwar auch auf der aktuellen Platte gespielt (siehe Hörprobe), aber wir hatten eben auch einen fantastischen Toningenieur, und an die passenden Töne konnte ich mich heute Abend auch nicht mehr erinnern. Irgendwas mit dem 1. Ventil, aber was? Na ja, was soll's. Jetzt ist es ohnehin zu spät.

Bei Starsky & Hutch kündigte Thomas eine "neue Ära" an: Die Trompeten und die Posaunen sollten sich während des Saxofonsolos darauf verständigen, wann es Zeit sein, das Solo zu beenden, und selbständig in die Backings einsteigen. Ich nehme an, dass Thomas vorher bei Niklas Luhmann nachgelesen hat, denn hier handelt es sich selbstverständlich um nichts anderes als einen selbstreferentiellen On Cue ohne externen Impuls. Kann so etwas funktionieren? Konsul Toni D. lieferte die Antwort: "Seit 3.000 Jahren gibt es keine Einigung zwischen Trompeten und Posaunen!" Ob er sich dabei auf die Schlacht um Jericho bezog, ist unklar. Hat er recht mit seinem messerscharfen Urteil? Kommen Sie am Samstag Abend nach Rettigheim, um es herauszufinden!