Eine Gurkentruppe wird erwachsen: Probenwochenende 2010

Ich habe an dieser Stelle schon öfter erwähnt, dass der Mittwochabend zu meinen persönlichen Lieblingabenden gehört. Zwei Stunden Jazz spielen und anschließend bei einer Rieslingschorle dummes Zeug reden – viel angenehmer kann man einen Abend nicht verbringen. Einmal im Jahr bekomme ich von all dem eine gigantische Überdosis – nämlich dann, wenn die Band sich im Vorfeld des wichtigsten Konzerts im Kalender für ein Wochenende trifft, um intensiv zu proben und dummes Zeug zu reden. Das wichtigste Konzert ist für uns das Mitarbeiterkonzert für die Kolleginnen und Kollegen bei SAP, bei dem wir Jahr für Jahr unser neues Programm vorstellen. In wenigen Wochen wird es unter dem Motto „Straight European Jazz“ wieder so weit sein, und folgerichtig trafen wir uns am vergangenen Freitag am frühen Abend in der Jugendherberge Aschenhütte in Bad Herrenalb, um uns vorzubereiten.
Konsul Toni D. war so freundlich, mich in seinem Auto dorthin mitzunehmen. Nachdem wir die Zieladresse erfolgreich ins Navi eingegeben hatten (was einige Zeit dauerte, weil es auf Österreich eingestellt war), sausten wir – in eine angeregte Unterhaltung vertieft – über die Autobahn in den Schwarzwald und konzentrierten uns erst wieder auf Weg und Ziel, als wir in Bad Herrenalb angekommen waren. Cheforganisatorin Anja R. hatte uns per E-Mail darauf vorbereitet, dass die Jugendherberge schwer zu finden sei, aber wir beschlossen, der Dame im Navi uneingeschränkt zu vertrauen (auch wenn Anja natürlich eine viel nettere Stimme hat). Toni lenkte das Konsulmobil gemäß ihren Anweisungen durch die hügelige Landschaft.
Es ging mal rauf und mal runter, aber die Tendenz zeigte eindeutig nach oben. Anja hatte geschrieben, dass man irgendwann denken würde, es gehe nicht mehr weiter hinauf, was aber nicht stimme - man solle an dieser Stelle ruhig weiterfahren. Deswegen dachten wir uns nichts dabei, als die Straßenverhältnisse deutlich schlechter wurden und links und rechts mächtige Tannen in den Himmel zeigten. Erst als wir den höchsten Punkt erreicht hatten und neben der Skihütte von Bad Herrenalb standen, wurden wir stutzig. Es war weit und breit kein Wintersportler zu sehen, so dass wir umkehrten. Auf halbem Weg ins Tal konnte uns aber jemand den richtigen Weg weisen, und irgenwann standen wir vor der Aschenhütte.
Unser CMO Thomas S. hatte für das Wochenende einen Zeitplan aufgestellt, der äußerste Disziplin erfordern würde. So ging es am Freitag Abend nicht etwa mit dem Abendessen los. Zwischen uns und der für 22.00 Uhr bestellten Pizza stand eine dreistündige Probe, bei der Thomas zum Beispiel gleich das schwierigste Stück (Desjazzdo) in alle Einzelheiten zerlegte und uns intensiv nahebrachte. Irgendwann war es aber geschafft, der Kühlschrank war zum Bersten mit Getränken gefüllt, die Pizza kam pünktlich und der berühmt-berüchtigte Freitagabend des Probenwochenendes begann.
Berühmt-berüchtigt? Warum ist das so? Nun, erinnern wir uns beispielsweise an das Probenwochende 2008 in Oberwesel: Dort hatte die gemütliche Freitagsrunde erst gegen drei Uhr morgens und mit einem unglaublichen Berg leerer Weinflaschen geendet. Am nächsten Morgen saßen viele mit bleichen Gesichtern und dicken Köpfen in der Vormittagsprobe, die Konsul Toni D. mit einem unglaublichen Trompetensolo eröffnete, obwohl er selbst beim Feiern ganz vorne mit dabei gewesen war.
In Bad Herrenalb mussten wir lernen, dass sich so etwas nicht einfach wiederholen lässt. Schon gegen Mitternacht lichteten sich die Reihen, und auch wenn das eine oder andere Glas geleert wurde, gab es am nächsten Morgen keine Ausfallerscheinungen. Das heißt, fast keine. Es lag aber nicht am Alkohol. Jürgen H. und Helmut G., beides Posaunisten, standen schon um kurz nach sieben in Sportkleidung vor der Herberge und begannen eine ausgedehnte Joggingtour durch die hügelige Landschaft. Toni und ich konnten ihren Aufbruch live miterleben, weil ich den Wecker falsch gestellt hatte, was wir aber erst bemerkten, als wir geduscht und angezogen waren. Leider verloren Jürgen und Helmut unterwegs die Orientierung, erschienen erst gegen viertel nach neun zum Frühstück, als gerade abgeräumt wurde und wurden für ihr Zuspätkommen von der sympathischen Herbergsmutter gekonnt zusammengefaltet. Wir hatten aufrichtiges Mitleid mit den beiden, aber auf der anderen Seite hatte die Szene natürlich einen hohen Unterhaltungswert und war definitiv eine Bereicherung für das Wochenende.
Um 9.30 Uhr begann die erste Probe für diesen Tag. Eine zentrale Rolle spielte die wunderbare Nummer Ohne Worte von Rainer Tempel, die in meiner Wahrnehmung das Wochenende entscheidend geprägt hat. Wir proben das Stück schon seit einiger Zeit, doch am Samstag zettelte Marko D. (Saxophon) dann eine intellektuelle Diskussion über den Abschnitt E an, in den der Arrangeur einige Dissonanzen eingebaut hat. Er forderte Thomas auf, uns zu erklären, was man sich dabei wohl gedacht habe. Dieser hielt aus dem Stegreif einen eloquenten Vortrag über E-Musik und die damit verbundenen Verdienstmöglichkeiten, musste am Ende jedoch zugeben, dass man den Künstler wohl doch fragen müsse, was er sich dabei gedacht habe. Er empfahl, nicht zu viel nachzudenken und einfach zu spielen, was auf dem Blatt stehe, hatte die Rechnung jedoch ohne den Wirt (in Person unseren Präsidenten Ralf H.) gemacht, der behauptete, die Logik hinter all den Dissonanzen und schwierigen Harmonien zu verstehen. Ich vermute, weil er so etwas kann, ist er auch der Präsident dieser Band und nicht ich. Alles hat seinen Sinn.
In Ohne Worte gibt es aber nicht nur schwierige Stellen, sondern auch einen fantastischen Soloteil, in dem Jochen R. am Sopransaxophon und Toni D. am Flügelhorn zuerst gemeinsam improvisieren, bevor jeder eine ausgedehnte Soloform alleine spielen darf. Jochen begann sein Solo sehr gekonnt, doch nach ein paar Takten führte Toni überraschenderweise das Horn zum Mund. Konnte er nicht warten, bis er dran war? Tatsächlich! Er kickte seinen Kontrahenten mit ein paar druckvollen Tönen gekonnt aus dem Rennen. Jochen setzte das Saxophon verwundert ab, doch nach einigen weiteren Takten gab Toni ihm plötzlich wieder freie Bahn. Dabei handelte es sich aber nur um eine Finte, denn kaum hatte Jochen damit begonnen, sein Solo zu Ende zu spielen, drängten ihn die bulligen Töne aus dem Horn des Konsuls abermals an den Rand des Geschehens, wo er schließlich lachend aufgab. Auch wir anderen hatten viel Spaß, als Thomas das Stück abbrach und Toni zur Rede stellte.
Es gelang uns aber trotzdem, konzentriert weiterzuproben, bis es um 12.00 Uhr zum Mittagessen läutete. Sicher war es Zufall, dass der Salat einen hohen Gurkenanteil aufwies, aber nichtsdestotrotz wussten wir die thematische Verbindung zu unserer Musik zu würdigen. Schließlich steht unser neues Programm nicht nur unter dem Motto Straight European Jazz, sondern ganz im Zeichen der Gurke.
Wenn Sie in den kommenden Wochen durch eines der SAP-Gebäude in Walldorf oder Rot laufen, sollten Sie sich unser Konzertplakat genauer anschauen. Dann werden Sie den Zusammenhang zwischen Jazz und Gurken, der Ihnen im Moment vielleicht noch nicht einleuchtet, sofort verstehen.
Der Proberaum, in dem wir an diesem Wochenende viel Zeit verbracht haben, war recht überschaubar. Mit ein bisschen Schieben, Quetschen und Stühlerücken haben wir aber alle hineingepasst. Während wir Trompeter die ganze Zeit wahlweise Olli B. (der am Schlagzeug für eine Menge Dampf sorgte) oder den Posaunensatz anschauen durften, genossen die Saxophone unverdienterweise freie Aussicht auf eine idyllische grüne Pferdekoppel mit schwarzwaldigen Hügeln im Hintergrund. Jochen R. und Harald S. freuten sich auch jedes Mal wie die Schneekönige, wenn die Pferdchen draußen wieder einen lustigen Luftsprung ausführten oder sich im Gras wälzten. Es sei ihnen gegönnt (Jochen und Harald meine ich, nicht die Pferde). Vermutlich sind sie in der Stadt aufgewachsen und haben noch nicht so viel Erfahrung mit Tieren. Das intensive Naturerlebnis inspirierte Harald (Tenorsaxophon) dann auch zu einem wirklich mitreißenden Solo bei Steps in Time, das von der gesamten Band mit Szenenapplaus gewürdigt wurde.
Der Tag bestand bis zum Abend aus kurzen Pausen, einfachen Mahlzeiten und ausgedehnten Tuttiproben. Satzproben wurden auf Grund der eingeschränkten räumlichen Möglichkeiten nicht durchgeführt, was viele sicher sehr schade fanden. Wir kompensierten den Verlust, indem wir uns schon nachmittags leichte alkoholische Getränke zuführten, und für einen Moment dachte ich, dass der Samstagnachmittag als Ersatz für den allzu braven Freitagabend herhalten müsste.
Das stimmte aber nicht - bis zur letzten Probe am Abend lief alles ganz konzentriert und diszipliniert ab (zumindest für unsere Verhältnisse). Gegen Ende dieser Probe legte Thomas die Eigenkomposition unseres Bandkollegen Peter H., Why Not, auf und bot mir ein Trompetensolo an: "Du kannst es spielen, aber nur, wenn du es dir zutraust und es unbedingt sein muss". Ich traute es mir nur bedingt zu, aber es musste sein und klappte auch halbwegs, so dass ich, wie wir alle, mit dem Tag zufrieden sein konnte. Zur Belohnung gab es eine ganz besondere Aufführung: Toni D. und Thomas S. stellten sich auf die Terrasse hinter dem Proberaum und ließen ihre Hörner erschallen. Sierra Madre gehört streng genommen nicht zu unserem Repertoire, aber zweistimmig von solchen Ausnahmetalenten über die Pferdekoppel geblasen, gewinnt das Stück einen ganz neuen Charakter. Eine tolle Sache.
Wir ließen den Abend in der Klosterscheuer in Bad Herrenalb bei ausgezeichnetem Essen ausklingen. Diejenigen von uns, die so tapfer waren, den Rückweg zu Fuß anzutreten, fanden unterwegs sogar noch heraus, warum es sinnvoll sein kann, eine Wiese nachts um 23.30 Uhr mit der Sense zu mähen. Wir hatten den Besitzer der Wiese schon von weitem gesehen und zunächst für den Sensenmann gehalten, der gekommen war, um einen Saxophonisten zu holen. Thomas führte dann ein spontanes Interview mit ihm durch und wir lernten, dass die Wiese zu dieser Tageszeit feucht genug ist, um von der Sense angenommen zu werden. Oder feucht genug, um die Sense anzunehmen? Ich weiß es nicht mehr, aber der Mann wusste offenbar, was er tat.
Als wir den Aufstieg zur Aschenhütte beendet hatten, saßen die anderen schon beim Wein zusammen. Wir gesellten uns natürlich dazu. Punktuell flackerte die gute Laune auf, die wir von vergangenen Probenwochenenden kennen (zum Beispiel durch Tonis Witz vom Schneckensammlerkongreß, den er in der Mundart seiner steirischen Heimat zum Besten gab), aber insgesamt war die Stimmung doch sehr gemäßigt. Auch an diesem Abend lagen viele früh in den Federn und verließen den Aufenthaltsraum aufrechten Ganges und ohne zu schwanken.
Am nächsten Morgen gingen im Viererzimmer des Trompetensatzes in aller Frühe verschiedene Mobiltelefone los. Es handelte sich aber nicht um Anrufe (das D1-Netz ist noch nicht in Bad Herrenalb angekommen, so dass die meisten von uns von der Außenwelt abgeschnitten waren), sondern um die Weckfunktion der Geräte. Den ersten Preis gewann hier das Modell von Michael K. (Lead-Trompete), das in einem früheren Leben mal eine Boombox gewesen sein muss und die anderen Telefone in fast schon beschämender Art und Weise auf die Plätze verwies. Wir hielten uns mühsam in den schwankenden Hochbetten fest, als es losdröhnte und machten uns ernste Sorgen, dass der Schalldruck Risse im Keramikwaschbecken verusachen würde. Dort hatte Michael das Telefon abgelegt. Glücklicherweise gelang es ihm aber rechtzeitig, auf den richtigen Knopf zu drücken.
Nachdem wir uns beruhigt hatten, gab es Frühstück, und anschließend ging es mit der letzten Probe des Wochenendes weiter. Bei der ersten Nummer, Cactus, begeisterte Jens W. uns mit einem äußert coolen Gitarrensolo: Eine Menge Overdrive, Körpereinsatz, Rückkopplungen - es war alles dabei. Am Schluss hätte er vielleicht noch seine Gitarre zertrümmern müssen, um hundertprozentig authentisch zu wirken, aber wir nehmen es ihm nicht übel, dass er das ausgelassen hat. Jimi H. hat das sicher auch nicht jedes Mal gemacht.
Ich habe schon erwähnt, dass Ohne Worte für mich das zentrale Stück dieses Wochenendes war. Auch am Sonntagmorgen wurde es gespielt. Während Jochen sein Soloinstrument auspackte und zusammenschraubte, informierten Harald S. und Thomas S. uns in einem gemeinsamen Kurzvortrag darüber, dass das Sopransaxophon von den Schweizern erfunden wurde und ursprünglich als Folterinstrument gedient hat. Das war für viele von uns neu und überraschend, aber die beiden kennen sich mit so etwas ja sehr gut aus, und niemand von uns hatte Anlass, an ihren Ausführungen zu zweifeln. Umso erstaunlicher war deswegen das wunderschöne Solo von Jochen, dem viele von uns mit geschlossenen Augen zuhörten. Man musste schon aus Stein sein, um davon keine Gänsehaut zu bekommen. Vielleicht haben die Schweizer ihre Gefangenen einfach zu Tränen gerührt, um die Wahrheit aus ihnen herauszukitzeln? Das ist definitiv ein Thema mit Potenzial für eine wissenschaftliche Untersuchung. Ich muss noch mal mit Thomas darüber sprechen, denn er hat die einschlägige Literatur sicher schon längst ausgewertet. Die Rhythmusgruppe rollte für dieses Solo einen perfekten Harmonieteppich aus, auf dem nach Jochen auch Toni am Flügelhorn ein weiteres Schmusesolo hinlegte. Sie können sich wirklich auf unsere nächsten Auftritte freuen. Ich wollte, ich könnte so spielen. Meiner Stimme, der 3. Trompete, kommt bei diesem Stück im Großen und Ganzen nur eine begleitende Funktion zu, die ich nach Kräften auszuüben suchte, auch wenn ich manche Anweisungen unseres CMOs in ihrer visionären Tiefe nicht immer vollständig zu ergründen vermag: "Spiel diese Stelle nicht so zickig, aber mit attack". Say what? Na ja, egal.
Das neue Programm zeigt auf vielfältige Weise, was der europäische Jazz alles zu bieten hat. Da wären zum Beispiel: Äußerste Spannung zwischen modernen Dissonanzen und anrührenden Harmonien in den Nummern von Rainer Tempel, anspruchsvoller Bossa Nova in Desjazzdo, tanzbarer Soul in Don't You Be Worried, mitreißender Funk in Cactus, extrem knackige Bläser im coolen Steps in Time oder rockiger Bigbandsound in einer weiteren Titelmelodie aus dem Fernsehen unserer Kindheit, die eigens für uns arrangiert wurde (mehr erfahren sie bei einem unserer nächsten Auftritte). Und, nicht zu vergessen, Azzurro: Wenn Sie bei dieser Uptempo-Swing-Nummer auf dem Stuhl sitzen bleiben, verspeise ich freiwillig eine ganze Salatgurke. Was ich vermutlich beim nächsten Konzert ohnehin tun muss, wenn ich bei Ohne Worte im dritten Takt in die Pause spiele (das Problem habe ich schon länger, siehe den Probenbericht vom 16. September 2009). Ein wenig Hoffnung besteht aber noch, dass ich es irgendwann dauerhaft kapiere. An diesem Wochenende ist es mir nämlich nur einmal passiert. OK, allen anderen ist es überhaupt nicht passiert, aber auch ich bin hier sicher auf einem guten Weg.
Was war die abschließende Bewertung unseres CMOs nach der letzten Probe? Nun, er sagte: "Vielen Dank, ich denke, wir sind ganz gut vorbereitet auf unser Mitarbeiterkonzert." Lesen Sie bei Bedarf noch einmal die Berichte über die letzten Proben und führen Sie sich vor Augen, wie der Chef sonst mit uns spricht. Vor diesem Hintergrund kann man seine Äußerung fast schon als überschwänglich positiv bezeichnen.
Was ist nur los mit dieser Band? Wir gehen früh ins Bett, führen konzentrierte Proben durch und stellen unseren Bandleader stellenweise fast schon zufrieden. Liegt es am Gurkensalat? Oder wird die Gurkentruppe so langsam erwachsen? Ich weiß es nicht, aber rein musikalisch gesehen führt Thomas uns definitiv in die richtige Richtung. Und wenn wir beim nächsten Probenwochenende dann wieder etwas später ins Bett gehen und nicht mehr ganz so brav sind, ist diese Band für mich nicht mehr zu toppen.

Der weite Weg zur Formel 1: Probe am 2. Juni 2010

Die lang anhaltende Funkstille in diesem Blog läßt sich auch diesmal wieder plausibel erklären. Zum einen fanden in den letzten Wochen nicht immer Tuttiproben statt, weil unser CMO Thomas S. eben auch als Trompeter und Plattenboss unglaublich erfolgreich und öfter mal auf Achse ist. Zum anderen war ich in den letzten Wochen nicht gerade ein Champion, was Fitness und Energie angeht. Dies hat sich leider nicht nur hier im Fehlen von neuen Beiträgen geäußert, sondern auch meinen Fleiß im Trompetenspiel negativ beeinträchtigt. Deswegen musste ich schlucken, als unser CMO mir bei einer kurzen telefonischen Abstimmung heute Nachmittag mitteilte, dass ich am Abend der einzige Vertreter des sechsköpfigen Trompetensatzes sein würde. Natürlich bot sich damit eine einmalige Gelegenheit, so richtig Gas zu geben, die erste Stimme aufzulegen, sämtliche Soli zu übernehmen und meine Leistung auf ein bisher unerreichtes Niveau zu schrauben. Theoretisch zumindest, denn es ist leider nun mal so, dass man die Formel 1 nicht gewinnen kann, wenn man auf einem Bobbycar unterwegs ist. Thomas versprach mir am Telefon, seine Trompete mitzubringen, und dass alles gut werde. Ich glaubte ihm nicht.
Nun lag also eine doppelte Last auf mir. Zum einen die Bürde, entweder alleine oder in unmittelbarer Nähe unseres CMOs Trompete spielen zu müssen, zum anderen die Angst vor dem wöchentlichen Checkup von Kleidung, Frisur und Gewicht. Als regelmäßige Leser wissen Sie ja, dass Thomas uns nicht nur musikalisch, sondern auch in Stilfragen intensiv coacht und sowohl Geschmacksverirrungen im Kleidungsstil als auch Figurprobleme gnadenlos anprangert. Und genau hier lag das Problem, denn die erzwungene Inaktivität der letzten Wochen hat leider auch dafür gesorgt, dass ich das Ziel, einen Waschbrettbauch zu besitzen, in die mittel- bis langfristige Planung einbauen muss. Zum Glück war ich aber nicht alleine - die Grillsaison hat begonnen, und aller Orten sprießen glänzende Kränze von Grillwürsten und die weißen Kronen des Weizenbiers, deren traurige Überreste man schon nach wenigen Grillabenden mit sich herumträgt und bei jedem Blick in den Spiegel bewundern darf. Unser CMO hatte für den Eigenbedarf zwar eine Theorie auf Lager, mit der sich eine Gewichtszunahme abseits des Themenfelds “Alkohol und lecker Essen” erklären ließe. Diese würde hier aber zu weit führen. Schließlich soll es in diesem Blog um unsere Proben und unsere Musik gehen. Sie müssen aber verstehen, dass diese Themen auch eine extrem wichtige Rolle für uns spielen. Im Idealfall macht man gute Musik und sieht dabei fantastisch aus. Im Notfall reicht es aber, wenn einer dieser beiden Punkte erfüllt ist.
Die Probe begann viel entspannter, als ich zu hoffen gewagt hatte, denn wer stand plötzlich vor mir? Michael K., unser 1. Trompeter. Er hatte seine Teilnahme wider Erwarten doch möglich machen konnte, so dass ich zumindest einen Partner im Trompetensatz hatte, hinter dem ich mich ein bisschen verstecken konnte.
Wir begannen mit Steps in Time, und Thomas gab uns ein Ziel: "Ohne Probleme einmal durch." Nun weiß unser CMO durch seine langjährige Erfahrung sehr genau, dass man mit dem Thema Zielerreichung behutsam umgehen muss. Deswegen gab es kein Donnerwetter, als der erste Durchlauf nur bis zum Buchstaben F (das Stück endet bei N) gelangte, bevor Probleme auftraten. Insgesamt beurteilte er unsere Leistung bei diesem Stück sogar mit einem verhalten optimistischen "Ganz gut, kriegen wir hin". Na also.
Es ging gleich weiter mit Der Professor. Hier konnte Posaunist Helmut G., bedingt durch die lückenhafte Besetzung, gleich zu Anfang mit einem Solo-Part überraschen, und Thomas gelang es, ihn zu motivieren: "So wie du bist - jung, schön, sportlich, dynamisch - so sollst du auch Musik machen."
Was Helmut zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte: Als nächstes Stück würde unser CMO It's Oh, So Nice auflegen. Ich bin sicher, sie haben das Posaunensolo alle im Ohr: La la la la la laa laaa ... Ich singe es immer voll Inbrunst mit, und finde es fantastisch, wenn Helmut es spielt. Die Chancen stehen gut, dass wir dieses Stück bei unserem nächsten Auftritt auf dem SAP-Fußballfest in Rettigheim (am Finaltag, 3. Juli) aufführen. Also kommen Sie bitte in Scharen, um Helmut zuzujubeln.
Als nächstes Stück folgte Hay Burner - eine meiner persönlichen Top 5-Nummern in unserem Repertoire. Allerdings wollte der Funke heute Abend durch die extrem lückenhaft besetzte Rhythmusgruppe (kein Piano, keine Drums, keine Gitarre) nicht so richtig überspringen, obwohl Armin S. am Bass wie ein Löwe gekämpft hat. Wir kehrten schnell zum aktuellen Programm zurück und spielten Cactus. Thomas verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass es "diesmal besser klappen" würde, und ich bin sicher, dass wir seine Hoffnung in vereinzelten Teilbereichen zu einem gewissen Prozentsatz erfüllen konnten. Trotzdem ist es sicher gut, dass wir demnächst ein intensives Probenwochenende durchführen, denn schließlich wollen wir Sie alle bald mit unserem neuen Programm begeistern.
Am Ende des Abends standen zwei Nummern von Rainer Tempel: Ohne Worte und An hellen Tagen. Hier packte Thomas seine funkelnagelneue Trompete aus, um die zweite Stimme zu spielen und das eine oder andere Solo beizusteuern. Wenn er nicht spielte, machte sich aber stellenweise Verzweiflung auf dem Gesicht unseres CMOs breit: Verpasste Einsätze, in die Pause gespielte Noten - und das bei Stellen, die wir schon hundert Mal geübt haben. Wenn man seinen Ankündigungen glauben darf, wird Ohne Worte die zentrale Nummer unseres nächsten Mitarbeiterkonzerts (im Juli, SAP-interne Werbung folgt bald) werden, denn er plant eine ganz besondere Ansage, um mit einigen von uns abzurechnen. Offenbar haben wir ihn in den Proben bei diesem Stück doch zu sehr gequält. Außerdem wird derjenige, der in den ersten Takten in die Pause spielt (was fast unweigerlich passieren muss), zu einer empfindlichen Sachspende verurteilt werden. Ich rechnet mir gute Chancen aus.
Was Thomas hier genau plant, kann man nicht wissen. Wahrscheinlich weiß er es selbst noch nicht. Wir können nur auf eines vertrauen: "Wenn ich den Mund aufmache", so unser CMO über sich selbst, "kommt nie etwas Undurchdachtes heraus. Das ist eine meiner großen Stärken." Diese Aussage sollte uns Trost spenden und Kraft geben. Alles wird gut.