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Ohne Zwischenräume: Probenwochenende 2011

Vieles, was in unserer Band geschieht, folgt Handlungsmustern, die über Jahre hinweg eingeübt, verfeinert und verinnerlicht wurden. Dazu gehört auch der typische Ablauf unserer Probenwochenenden. Vielleicht haben Sie die einschlägigen Berichte ja noch in Erinnerung. Ich denke zum Beispiel an 2007, als wir Weine von Weltklasse tranken, 2008, das Jahr, in dem Harald S. den Begriff des Toleranzempfindens entwickelte oder 2010, als unsere Musik ganz im Zeichen der Salatgurke stand. In all diesen Jahren zeigte sich derselbe, bewährte Ablauf:

Freitag:
  • Anreise, Abendessen, drei Stunden Probe
  • Party bis drei Uhr morgens
Samstag:
  • Kopfweh und von morgens bis abends Probe
  • Abendessen (auswärts)
Sonntag
  • 2 Stunden Abschlussprobe des kompletten Programms für das Jahreskonzert bei SAP
  • Essen, Aufräumen, Abfahrt
An diesem Ablauf gibt es nichts zu verbessern und wir haben uns auch in diesem Jahr exakt daran gehalten. Eigentlich könnte der Bericht hier schließen, doch es gibt einige Aspekte, die Erwähnung finden sollen.

Es geht um die Säurestruktur
Für die lange Nacht von Freitag auf Samstag benötigen wir neben Apfelsaft und Cola natürlich auch edlere Getränke. Dies ist das Ressort unseres Präsidenten Ralf H., der als ausgewiesener Weinkenner gilt. Er hatte im Vorfeld eine Weinprobe auf dem Weingut Mosbacher in Forst arrangiert. Als unser CMO Thomas S., Konsul Toni D. und ich dort eintrafen, hatten der Präsident und unser Pianist und CGO Frank W. bereits einige Weine gekostet, so dass es einiges aufzuholen gab. Als Fahrer und mit Grippetabletten vollgestopfter Rekonvalesezent hielt ich mich ans Mineralwasser, aber Thomas und Toni stiegen mit Verve ins Geschehen ein. Noch viel schwungvoller als die beiden ging unser Präsident ans Werk. Als Toni eine lustige Bemerkung in seine Richtung wagte, stellte Ralf entschieden fest: "Das ist nicht meine erste Weinprobe, Toni, das kannst du mir glauben." Zack. Damit waren die Machtverhältnisse geklärt und es konnte weitergehen. Wir hielten uns eingeschüchtert im Hintergrund, während Ralf mit der Nase im Glas detaillierte Analysen durchführte und die angebotenen Weine anhand ihrer Säurestruktur entweder ins Töpfchen oder ins Kröpfchen einsortierte. Die Säurestruktur eines Weines, so lernten wir, kann "schön" sein oder "ausgeprägt", muss sich aber wohl irgendwie bemerkbar machen, wenn der Wein etwas taugen soll. Wie dem auch sei, eine Stunde später waren die Autos mit einigen Kartons Wein beladen und wir fuhren weiter ins Martin-Butzer-Haus nach Bad Dürkheim.


Zurück zu den Wurzeln
Wir proben die Stücke für unseren wichtigsten Termin im Jahr, das Konzert für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei SAP, schon seit einiger Zeit, aber bei der ersten Probe am Freitag Abend wurde mir erst so richtig deutlich, das wir uns gerade zurück zu unseren Wurzeln bewegen. Nach dem Gurkenkonzert 2010 und der 2011 erschienenen CD, die beide ganz intensiv die faszinierende Jazzszene diesseits des Atlantiks ausloteten, geht es nun wieder zurück ins Mutterland des klassischen Bigband-Jazz. Wir swingen mit Hingabe, Count Basie style, fühlen den Blues, können die Beine nicht stillhalten bei aufregenden Funk-Stücken und schwelgen in großen Gesangsnummern. Beispiele gefällig? Something Different, Shiny Stockings, Blues for Kapp, Act Your Age, Chameleon, Teach Me Tonight, How Sweet It Is - und so weiter! Am 8. Dezember wird bei SAP so richtig die Post abgehen.

Doch ein bisschen Gurke
Eine kleine Reminiszenz an unsere Gurkenphase erlebten wir auf der Freitag-Nacht-Party. Sicher erinnern Sie sich, dass wir auf der Probennachbesprechung am 16. November beschlossen hatten, neben den von Dr. H. ausgesuchten Weltspitzensäurestrukturweinen ein Glas Gin Tonic zu trinken. Thomas S. und Anja R. hatten eingekauft, und Thomas gab den weltmännischen Barkeeper, indem er die eine Sorte Gin mit Tonic und Zitrone (oder Limette?) anrichtete, die andere aber stilecht mit einem Streifchen Salatgurke im Glas. Das Ganze nahmen wir auf schwarzen Ledersofas im Kaminzimmer zu uns, und als der Konsul gegen zwei Uhr morgens auf die Idee kam, den namensgebenden Kamin in Betrieb zu nehmen, war die Idylle perfekt. Die Longdrinks und Säurestrukturen perlten auf der Zunge, die Flammen knisterten und wir redeten allerlei dummes Zeug. Alles genau nach Plan.

Kurzes Frühstück, lange Probe
Das Martin-Butzer-Haus können wir als Unterkunft nur empfehlen - moderne, saubere Zimmer, gutes Essen, freundliches Personal, schöne Aussicht. Wirklich super.

Die Frühstückszeiten sind allerdings sportlich (8.15 bis 9.00 Uhr), so dass wir pünktlich um 10.00 Uhr mit der nächsten Probe beginnen konnten. Einige von uns, die sich entweder vom limonadeartigen Mundgefühl der Gin Tonics hatten täuschen lassen oder die Säurestruktur der Mosbacher-Weine zu intensiv analysiert hatten, nahmen nur sehr kurz oder gar nicht am Frühstück teil, um ihre Schlafphase zu verlängern. Bei der Probe war in den Spielpausen allerorten das zarte Rauschen von Alka Seltzer, Aspirin plus C und Magnesiumtabletten zu hören. Kurzzeitig dachten wir sogar, den Probenraum evakuieren zu müssen, als Starposaunist Helmut G. eine Magnesiumtablette in eine volle Flasche Mineralwasser plumpsen ließ und anschließend vergeblich versuchte, den notwendigen Druckausgleich mit Hilfe des Schraubverschlusses herzustellen. Die Eruption war aber nach wenigen Sekunden vorbei und ließ nicht nur eine teilentleerte Mineralwasserflasche und einen wiehernden Trompetensatz, sondern zum Glück auch vollständig unverletzte Musiker im Posaunensatz zurück. Sonst gönnen wir Trompeter den Trombonen ja jedes Missgeschick, aber von einer H2CO3+Mg-Explosion erledigt zu werden, wünscht man nicht mal seinem ärgsten Feind.
Einer stand zwischen Kopfweh und chemischen Reaktionen wie immer seinen Mann und fegte uns mit einem markerschütternden Solo den Schlafsand aus den Augen: Toni D. Der Mann ist unverwüstlich. Mir selbst ging es im zweiten Teil der Probe allerdings nicht mehr so gut. Leadtrompeter Michael K. hatte den Trompetern mit guten Gründen für das gesamte Wochenende das Spielen im Stehen verordnet, und irgendwann war einfach die Luft raus (obwohl wir uns in den Spielpausen hinsetzen durften). Gegen 16.30 Uhr kündigte der CMO an, dass wir mindestens bis 18.00 Uhr spielen würden (ich habe ihn in diesem Moment nicht geliebt), sagte aber um 17.00 Uhr völlig überraschend "Wir haben ordentlich was geschafft, es soll mir reichen für heute" (in diesem Moment hätte ich ihn am liebsten geküsst, geheiratet und als Alleinerben eingesetzt).

Es riecht nach Wildschwein
Nach einem therapeutischen Glas Wein für die einen und einem verspäteten Mittagsschlaf für die anderen gingen wir zu Fuß in die Klosterschänke Limburg. Cheforganisatorin Edda S. hatte uns gebeten, für diesen Programmpunkt Taschenlampen und tragbare Navigationsgeräte mitzubringen. Nach kurzer Zeit wussten wir, dass das nicht übertrieben war. Wir kamen nämlich vom Weg ab und gerieten auf unbefestigtes, bewaldetes Gelände, auf dem es nach Wildschwein roch. Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, wie ein Wildschwein riecht, aber Anja R. schien es genau zu wissen und hatte es sehr eilig, in die Zivilisation zurückzukehren.

Das Essen in der Klosterschänke war gut, obwohl die Speisekarte die These bestätigte, dass die Pfalz kein Paradies für Vegetarier ist. Vermutlich gibt es deswegen dort so viele Wildschweine. Auf dem Rückweg wurden wir um ein Haar von der übermütigen Dürkheimer Dorfjugend über den Haufen gefahren, landeten aber schließlich unversehrt im Kaminzimmer des Martin-Butzer-Hauses.

As Dur: Die Königin der Tonarten?
Der Samstagabend eines Probenwochenendes ist naturgemäß für die ruhigen, intellektuellen Gespräche in kleiner Runde reserviert. Auch hier machten wir in diesem Jahr keine Ausnahme. Das Kaminfeuer ließ sich zwar erst in Gang bringen, als Michael K. die Sache in die Hand nahm, was uns aber nicht davon abhielt, wichtige Themen auszuloten. Ich hatte kurz vor dem Wochenende einen autobiographischen Roman von Hanns-Josef Ortheil zu Ende gelesen. Ortheil war die ersten sieben Jahre seines Lebens stumm und wurde früh als pianistisches Wunderkind entdeckt, bevor eine Sehnenscheidenentzündung während der Ausbildung am Konservatorium in Rom seine Karriere beendete. Aus diesem fast 600 Seiten starken Lebensbericht war mir einiges in Erinnerung geblieben, das es mir ermöglichte, mit den musikalisch Gebildeten um mich herum tiefsinnige Gespräche zu führen.
Vor diesem Hintergrund wagte ich in der kaminfeuerbeflackerten Runde folgende These: "As Dur ist die Königin der Tonarten!" Wir sprachen sehr lange darüber, und unser CMO war der Ansicht, dass das Unsinn sei. Zwar weckten die unterschiedlichen Tonarten, so Thomas, sehr wohl unterschiedliche Gefühle und Stimmungen, aber eine Königin der Tonarten gebe es nicht. Und was soll ich sagen? Er hat vermutlich Recht. Mea culpa. Der Ausdruck "Königin der Tonarten" kommt im Roman auch gar nicht vor. Fürs Protokoll zitiere ich die Belegstelle:
Ein noch größeres Vergnügen aber macht mir die Lektüre der Kladden mit meinen Reise-Notizen. [...] Trotz ihrer Verspanntheit und ihres Überschwangs erregen mich diese Notizen. Irgendetwas steckt in ihnen, irgendetwas wirkt weiter auf mich. Hätte ich bloß auf die überdrehten Partien verzichtet, und hätte ich meinen Gefühlen bloß nicht derart oft unkontrolliert Raum gelassen: As-Dur, das ist die zärtlichste, aber auch traurigste Dur-Tonart überhaupt! ... Beethoven und Schubert haben in As-Dur gedichtet! 
(Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens, Genehmigte Taschenbuchausgabe, München 2011, S. 567 ff.)
Okay, wenn man das glauben kann und Beethoven und Schubert in As Dur gedichtet haben, ist es sicher keine völlige Schrott-Tonart, aber das mit der Königin nehme ich hiermit zurück, lieber Thomas! Trotzdem halte ich an dem Vorschlag fest, dass du die Musik zu unserem neuen Song (Arbeitstitel: '"Liebe auf dem Tigerfell" - bitte fragen Sie nicht, wie wir auf diesen Titel gekommen sind, es war spät) in As Dur komponierst oder vielleicht sogar dichtest. Wer weiß, was dann passiert.

Wir beendeten die As-Dur-Diskussion, wie so häufig, mit einer blöden Frage von mir: Welche Vorzeichen hat diese Tonart denn überhaupt? Sie wissen es natürlich, liebe Leserinnen und Leser. Es sind vier b.

Mit Ausnahme von mir wussten die Anwesenden natürlich auch, welche Vorzeichen As Dur hat, aber kaum hatten wir das geklärt, entstand wie aus dem Nichts etwas Neues. Eine originelle, große Idee. Unser Gitarrist Jens W. fragte: "Warum muss das eigentlich so kompliziert sein?"
Thomas griff den Gedanken auf, entwickelte ihn weiter und stellte fest: "Wenn man As Dur als erste Tonart lernen würde, wäre C Dur plötzlich total schwer."
"Genau das ist es", fiel Pianist Frank W. ein, "das Problem sind die Vorzeichen!" Daraufhin entwickelte er aus dem Stegreif ein neues Notationssystem, das statt fünf einfach zehn Notenlinien verwendet. "So lassen sich alle Töne ohne Vorzeichen darstellen", so Frank. Er fuhr fort (und hier beginnt der visionäreTeil, den wir noch nicht ganz verstanden haben): "Allerdings am besten ohne Zwischenräume." Mann. Wow. Das ist minimalistisch. Einfach. Genial. Wir wissen nicht, wie er die Noten sichtbar machen will, wenn die zehn Notenlinien zu einem tiefschwarzen Block verschmelzen, aber das sind lächerliche technische Details. Der Mann ist schließlich nicht nur Pianist, sondern auch Grafiker und produziert mit Leichtigkeit Poster mit achthunderneunundvierzigmillionen Pixel Auflösung. Da wird sich auch für die grafische Umsetzung des zwischenraumlosen Notenliniensystems eine Lösung finden lassen. Wir sind sicher, dass sich das Ganze mittel- bis langfristig durchsetzen und alle anderen Notationssysteme verdrängen wird. Und wir durften nicht nur dabei sein, als die Idee geboren wurde, nein, wir waren Geburtshelfer, Ko-Innovatoren gar. Es ist erhebend, ist es nicht?

Wir sind bereit
Die Abschlussprobe am nächsten Morgen erschien im Lichte dieser geistigen Großschöpfungen wie eine triviale Übung. Dachte ich zumindest im ersten Set, als ich tatsächlich mit einer Leichtigkeit spielte, die ich seit Monaten nicht gefühlt habe. Im zweiten Set hatte ich dann eine eigenartige Lippenschwellung, die ich ebenfalls seit Monaten nicht gefühlt habe. Vermutlich weil ich seit Monaten nicht mehr anständig Trompete geübt habe. Es ging dann aber doch irgendwie. Insgesamt war es eine sehr gute Probe. Wir haben tatsächlich alle 15 Nummern ohne Abbruch oder Wiederholung durchgespielt. Jetzt gibt es noch zwei Proben und dann ist es so weit. Am 8. Dezember rocken wir das SAP-Schulungszentrum mit feinstem klassischem Bigband-Jazz. Vorerst noch mit fünf Notenlinien, aber aus diesen fünf Linien werden wir einen Sound herausholen, der euch verzaubern wird, liebe Kolleginnnen und Kollegen. Versprochen.

Eine Gurkentruppe wird erwachsen: Probenwochenende 2010

Ich habe an dieser Stelle schon öfter erwähnt, dass der Mittwochabend zu meinen persönlichen Lieblingabenden gehört. Zwei Stunden Jazz spielen und anschließend bei einer Rieslingschorle dummes Zeug reden – viel angenehmer kann man einen Abend nicht verbringen. Einmal im Jahr bekomme ich von all dem eine gigantische Überdosis – nämlich dann, wenn die Band sich im Vorfeld des wichtigsten Konzerts im Kalender für ein Wochenende trifft, um intensiv zu proben und dummes Zeug zu reden. Das wichtigste Konzert ist für uns das Mitarbeiterkonzert für die Kolleginnen und Kollegen bei SAP, bei dem wir Jahr für Jahr unser neues Programm vorstellen. In wenigen Wochen wird es unter dem Motto „Straight European Jazz“ wieder so weit sein, und folgerichtig trafen wir uns am vergangenen Freitag am frühen Abend in der Jugendherberge Aschenhütte in Bad Herrenalb, um uns vorzubereiten.
Konsul Toni D. war so freundlich, mich in seinem Auto dorthin mitzunehmen. Nachdem wir die Zieladresse erfolgreich ins Navi eingegeben hatten (was einige Zeit dauerte, weil es auf Österreich eingestellt war), sausten wir – in eine angeregte Unterhaltung vertieft – über die Autobahn in den Schwarzwald und konzentrierten uns erst wieder auf Weg und Ziel, als wir in Bad Herrenalb angekommen waren. Cheforganisatorin Anja R. hatte uns per E-Mail darauf vorbereitet, dass die Jugendherberge schwer zu finden sei, aber wir beschlossen, der Dame im Navi uneingeschränkt zu vertrauen (auch wenn Anja natürlich eine viel nettere Stimme hat). Toni lenkte das Konsulmobil gemäß ihren Anweisungen durch die hügelige Landschaft.
Es ging mal rauf und mal runter, aber die Tendenz zeigte eindeutig nach oben. Anja hatte geschrieben, dass man irgendwann denken würde, es gehe nicht mehr weiter hinauf, was aber nicht stimme - man solle an dieser Stelle ruhig weiterfahren. Deswegen dachten wir uns nichts dabei, als die Straßenverhältnisse deutlich schlechter wurden und links und rechts mächtige Tannen in den Himmel zeigten. Erst als wir den höchsten Punkt erreicht hatten und neben der Skihütte von Bad Herrenalb standen, wurden wir stutzig. Es war weit und breit kein Wintersportler zu sehen, so dass wir umkehrten. Auf halbem Weg ins Tal konnte uns aber jemand den richtigen Weg weisen, und irgenwann standen wir vor der Aschenhütte.
Unser CMO Thomas S. hatte für das Wochenende einen Zeitplan aufgestellt, der äußerste Disziplin erfordern würde. So ging es am Freitag Abend nicht etwa mit dem Abendessen los. Zwischen uns und der für 22.00 Uhr bestellten Pizza stand eine dreistündige Probe, bei der Thomas zum Beispiel gleich das schwierigste Stück (Desjazzdo) in alle Einzelheiten zerlegte und uns intensiv nahebrachte. Irgendwann war es aber geschafft, der Kühlschrank war zum Bersten mit Getränken gefüllt, die Pizza kam pünktlich und der berühmt-berüchtigte Freitagabend des Probenwochenendes begann.
Berühmt-berüchtigt? Warum ist das so? Nun, erinnern wir uns beispielsweise an das Probenwochende 2008 in Oberwesel: Dort hatte die gemütliche Freitagsrunde erst gegen drei Uhr morgens und mit einem unglaublichen Berg leerer Weinflaschen geendet. Am nächsten Morgen saßen viele mit bleichen Gesichtern und dicken Köpfen in der Vormittagsprobe, die Konsul Toni D. mit einem unglaublichen Trompetensolo eröffnete, obwohl er selbst beim Feiern ganz vorne mit dabei gewesen war.
In Bad Herrenalb mussten wir lernen, dass sich so etwas nicht einfach wiederholen lässt. Schon gegen Mitternacht lichteten sich die Reihen, und auch wenn das eine oder andere Glas geleert wurde, gab es am nächsten Morgen keine Ausfallerscheinungen. Das heißt, fast keine. Es lag aber nicht am Alkohol. Jürgen H. und Helmut G., beides Posaunisten, standen schon um kurz nach sieben in Sportkleidung vor der Herberge und begannen eine ausgedehnte Joggingtour durch die hügelige Landschaft. Toni und ich konnten ihren Aufbruch live miterleben, weil ich den Wecker falsch gestellt hatte, was wir aber erst bemerkten, als wir geduscht und angezogen waren. Leider verloren Jürgen und Helmut unterwegs die Orientierung, erschienen erst gegen viertel nach neun zum Frühstück, als gerade abgeräumt wurde und wurden für ihr Zuspätkommen von der sympathischen Herbergsmutter gekonnt zusammengefaltet. Wir hatten aufrichtiges Mitleid mit den beiden, aber auf der anderen Seite hatte die Szene natürlich einen hohen Unterhaltungswert und war definitiv eine Bereicherung für das Wochenende.
Um 9.30 Uhr begann die erste Probe für diesen Tag. Eine zentrale Rolle spielte die wunderbare Nummer Ohne Worte von Rainer Tempel, die in meiner Wahrnehmung das Wochenende entscheidend geprägt hat. Wir proben das Stück schon seit einiger Zeit, doch am Samstag zettelte Marko D. (Saxophon) dann eine intellektuelle Diskussion über den Abschnitt E an, in den der Arrangeur einige Dissonanzen eingebaut hat. Er forderte Thomas auf, uns zu erklären, was man sich dabei wohl gedacht habe. Dieser hielt aus dem Stegreif einen eloquenten Vortrag über E-Musik und die damit verbundenen Verdienstmöglichkeiten, musste am Ende jedoch zugeben, dass man den Künstler wohl doch fragen müsse, was er sich dabei gedacht habe. Er empfahl, nicht zu viel nachzudenken und einfach zu spielen, was auf dem Blatt stehe, hatte die Rechnung jedoch ohne den Wirt (in Person unseren Präsidenten Ralf H.) gemacht, der behauptete, die Logik hinter all den Dissonanzen und schwierigen Harmonien zu verstehen. Ich vermute, weil er so etwas kann, ist er auch der Präsident dieser Band und nicht ich. Alles hat seinen Sinn.
In Ohne Worte gibt es aber nicht nur schwierige Stellen, sondern auch einen fantastischen Soloteil, in dem Jochen R. am Sopransaxophon und Toni D. am Flügelhorn zuerst gemeinsam improvisieren, bevor jeder eine ausgedehnte Soloform alleine spielen darf. Jochen begann sein Solo sehr gekonnt, doch nach ein paar Takten führte Toni überraschenderweise das Horn zum Mund. Konnte er nicht warten, bis er dran war? Tatsächlich! Er kickte seinen Kontrahenten mit ein paar druckvollen Tönen gekonnt aus dem Rennen. Jochen setzte das Saxophon verwundert ab, doch nach einigen weiteren Takten gab Toni ihm plötzlich wieder freie Bahn. Dabei handelte es sich aber nur um eine Finte, denn kaum hatte Jochen damit begonnen, sein Solo zu Ende zu spielen, drängten ihn die bulligen Töne aus dem Horn des Konsuls abermals an den Rand des Geschehens, wo er schließlich lachend aufgab. Auch wir anderen hatten viel Spaß, als Thomas das Stück abbrach und Toni zur Rede stellte.
Es gelang uns aber trotzdem, konzentriert weiterzuproben, bis es um 12.00 Uhr zum Mittagessen läutete. Sicher war es Zufall, dass der Salat einen hohen Gurkenanteil aufwies, aber nichtsdestotrotz wussten wir die thematische Verbindung zu unserer Musik zu würdigen. Schließlich steht unser neues Programm nicht nur unter dem Motto Straight European Jazz, sondern ganz im Zeichen der Gurke.
Wenn Sie in den kommenden Wochen durch eines der SAP-Gebäude in Walldorf oder Rot laufen, sollten Sie sich unser Konzertplakat genauer anschauen. Dann werden Sie den Zusammenhang zwischen Jazz und Gurken, der Ihnen im Moment vielleicht noch nicht einleuchtet, sofort verstehen.
Der Proberaum, in dem wir an diesem Wochenende viel Zeit verbracht haben, war recht überschaubar. Mit ein bisschen Schieben, Quetschen und Stühlerücken haben wir aber alle hineingepasst. Während wir Trompeter die ganze Zeit wahlweise Olli B. (der am Schlagzeug für eine Menge Dampf sorgte) oder den Posaunensatz anschauen durften, genossen die Saxophone unverdienterweise freie Aussicht auf eine idyllische grüne Pferdekoppel mit schwarzwaldigen Hügeln im Hintergrund. Jochen R. und Harald S. freuten sich auch jedes Mal wie die Schneekönige, wenn die Pferdchen draußen wieder einen lustigen Luftsprung ausführten oder sich im Gras wälzten. Es sei ihnen gegönnt (Jochen und Harald meine ich, nicht die Pferde). Vermutlich sind sie in der Stadt aufgewachsen und haben noch nicht so viel Erfahrung mit Tieren. Das intensive Naturerlebnis inspirierte Harald (Tenorsaxophon) dann auch zu einem wirklich mitreißenden Solo bei Steps in Time, das von der gesamten Band mit Szenenapplaus gewürdigt wurde.
Der Tag bestand bis zum Abend aus kurzen Pausen, einfachen Mahlzeiten und ausgedehnten Tuttiproben. Satzproben wurden auf Grund der eingeschränkten räumlichen Möglichkeiten nicht durchgeführt, was viele sicher sehr schade fanden. Wir kompensierten den Verlust, indem wir uns schon nachmittags leichte alkoholische Getränke zuführten, und für einen Moment dachte ich, dass der Samstagnachmittag als Ersatz für den allzu braven Freitagabend herhalten müsste.
Das stimmte aber nicht - bis zur letzten Probe am Abend lief alles ganz konzentriert und diszipliniert ab (zumindest für unsere Verhältnisse). Gegen Ende dieser Probe legte Thomas die Eigenkomposition unseres Bandkollegen Peter H., Why Not, auf und bot mir ein Trompetensolo an: "Du kannst es spielen, aber nur, wenn du es dir zutraust und es unbedingt sein muss". Ich traute es mir nur bedingt zu, aber es musste sein und klappte auch halbwegs, so dass ich, wie wir alle, mit dem Tag zufrieden sein konnte. Zur Belohnung gab es eine ganz besondere Aufführung: Toni D. und Thomas S. stellten sich auf die Terrasse hinter dem Proberaum und ließen ihre Hörner erschallen. Sierra Madre gehört streng genommen nicht zu unserem Repertoire, aber zweistimmig von solchen Ausnahmetalenten über die Pferdekoppel geblasen, gewinnt das Stück einen ganz neuen Charakter. Eine tolle Sache.
Wir ließen den Abend in der Klosterscheuer in Bad Herrenalb bei ausgezeichnetem Essen ausklingen. Diejenigen von uns, die so tapfer waren, den Rückweg zu Fuß anzutreten, fanden unterwegs sogar noch heraus, warum es sinnvoll sein kann, eine Wiese nachts um 23.30 Uhr mit der Sense zu mähen. Wir hatten den Besitzer der Wiese schon von weitem gesehen und zunächst für den Sensenmann gehalten, der gekommen war, um einen Saxophonisten zu holen. Thomas führte dann ein spontanes Interview mit ihm durch und wir lernten, dass die Wiese zu dieser Tageszeit feucht genug ist, um von der Sense angenommen zu werden. Oder feucht genug, um die Sense anzunehmen? Ich weiß es nicht mehr, aber der Mann wusste offenbar, was er tat.
Als wir den Aufstieg zur Aschenhütte beendet hatten, saßen die anderen schon beim Wein zusammen. Wir gesellten uns natürlich dazu. Punktuell flackerte die gute Laune auf, die wir von vergangenen Probenwochenenden kennen (zum Beispiel durch Tonis Witz vom Schneckensammlerkongreß, den er in der Mundart seiner steirischen Heimat zum Besten gab), aber insgesamt war die Stimmung doch sehr gemäßigt. Auch an diesem Abend lagen viele früh in den Federn und verließen den Aufenthaltsraum aufrechten Ganges und ohne zu schwanken.
Am nächsten Morgen gingen im Viererzimmer des Trompetensatzes in aller Frühe verschiedene Mobiltelefone los. Es handelte sich aber nicht um Anrufe (das D1-Netz ist noch nicht in Bad Herrenalb angekommen, so dass die meisten von uns von der Außenwelt abgeschnitten waren), sondern um die Weckfunktion der Geräte. Den ersten Preis gewann hier das Modell von Michael K. (Lead-Trompete), das in einem früheren Leben mal eine Boombox gewesen sein muss und die anderen Telefone in fast schon beschämender Art und Weise auf die Plätze verwies. Wir hielten uns mühsam in den schwankenden Hochbetten fest, als es losdröhnte und machten uns ernste Sorgen, dass der Schalldruck Risse im Keramikwaschbecken verusachen würde. Dort hatte Michael das Telefon abgelegt. Glücklicherweise gelang es ihm aber rechtzeitig, auf den richtigen Knopf zu drücken.
Nachdem wir uns beruhigt hatten, gab es Frühstück, und anschließend ging es mit der letzten Probe des Wochenendes weiter. Bei der ersten Nummer, Cactus, begeisterte Jens W. uns mit einem äußert coolen Gitarrensolo: Eine Menge Overdrive, Körpereinsatz, Rückkopplungen - es war alles dabei. Am Schluss hätte er vielleicht noch seine Gitarre zertrümmern müssen, um hundertprozentig authentisch zu wirken, aber wir nehmen es ihm nicht übel, dass er das ausgelassen hat. Jimi H. hat das sicher auch nicht jedes Mal gemacht.
Ich habe schon erwähnt, dass Ohne Worte für mich das zentrale Stück dieses Wochenendes war. Auch am Sonntagmorgen wurde es gespielt. Während Jochen sein Soloinstrument auspackte und zusammenschraubte, informierten Harald S. und Thomas S. uns in einem gemeinsamen Kurzvortrag darüber, dass das Sopransaxophon von den Schweizern erfunden wurde und ursprünglich als Folterinstrument gedient hat. Das war für viele von uns neu und überraschend, aber die beiden kennen sich mit so etwas ja sehr gut aus, und niemand von uns hatte Anlass, an ihren Ausführungen zu zweifeln. Umso erstaunlicher war deswegen das wunderschöne Solo von Jochen, dem viele von uns mit geschlossenen Augen zuhörten. Man musste schon aus Stein sein, um davon keine Gänsehaut zu bekommen. Vielleicht haben die Schweizer ihre Gefangenen einfach zu Tränen gerührt, um die Wahrheit aus ihnen herauszukitzeln? Das ist definitiv ein Thema mit Potenzial für eine wissenschaftliche Untersuchung. Ich muss noch mal mit Thomas darüber sprechen, denn er hat die einschlägige Literatur sicher schon längst ausgewertet. Die Rhythmusgruppe rollte für dieses Solo einen perfekten Harmonieteppich aus, auf dem nach Jochen auch Toni am Flügelhorn ein weiteres Schmusesolo hinlegte. Sie können sich wirklich auf unsere nächsten Auftritte freuen. Ich wollte, ich könnte so spielen. Meiner Stimme, der 3. Trompete, kommt bei diesem Stück im Großen und Ganzen nur eine begleitende Funktion zu, die ich nach Kräften auszuüben suchte, auch wenn ich manche Anweisungen unseres CMOs in ihrer visionären Tiefe nicht immer vollständig zu ergründen vermag: "Spiel diese Stelle nicht so zickig, aber mit attack". Say what? Na ja, egal.
Das neue Programm zeigt auf vielfältige Weise, was der europäische Jazz alles zu bieten hat. Da wären zum Beispiel: Äußerste Spannung zwischen modernen Dissonanzen und anrührenden Harmonien in den Nummern von Rainer Tempel, anspruchsvoller Bossa Nova in Desjazzdo, tanzbarer Soul in Don't You Be Worried, mitreißender Funk in Cactus, extrem knackige Bläser im coolen Steps in Time oder rockiger Bigbandsound in einer weiteren Titelmelodie aus dem Fernsehen unserer Kindheit, die eigens für uns arrangiert wurde (mehr erfahren sie bei einem unserer nächsten Auftritte). Und, nicht zu vergessen, Azzurro: Wenn Sie bei dieser Uptempo-Swing-Nummer auf dem Stuhl sitzen bleiben, verspeise ich freiwillig eine ganze Salatgurke. Was ich vermutlich beim nächsten Konzert ohnehin tun muss, wenn ich bei Ohne Worte im dritten Takt in die Pause spiele (das Problem habe ich schon länger, siehe den Probenbericht vom 16. September 2009). Ein wenig Hoffnung besteht aber noch, dass ich es irgendwann dauerhaft kapiere. An diesem Wochenende ist es mir nämlich nur einmal passiert. OK, allen anderen ist es überhaupt nicht passiert, aber auch ich bin hier sicher auf einem guten Weg.
Was war die abschließende Bewertung unseres CMOs nach der letzten Probe? Nun, er sagte: "Vielen Dank, ich denke, wir sind ganz gut vorbereitet auf unser Mitarbeiterkonzert." Lesen Sie bei Bedarf noch einmal die Berichte über die letzten Proben und führen Sie sich vor Augen, wie der Chef sonst mit uns spricht. Vor diesem Hintergrund kann man seine Äußerung fast schon als überschwänglich positiv bezeichnen.
Was ist nur los mit dieser Band? Wir gehen früh ins Bett, führen konzentrierte Proben durch und stellen unseren Bandleader stellenweise fast schon zufrieden. Liegt es am Gurkensalat? Oder wird die Gurkentruppe so langsam erwachsen? Ich weiß es nicht, aber rein musikalisch gesehen führt Thomas uns definitiv in die richtige Richtung. Und wenn wir beim nächsten Probenwochenende dann wieder etwas später ins Bett gehen und nicht mehr ganz so brav sind, ist diese Band für mich nicht mehr zu toppen.

Zack die Bohne: Probenwochenende 2008 in Oberwesel

Oberwesel, die Stadt der Türme und des Weines! Kein geringeres Ziel hatten wir uns für das 2008er Probenwochenende ausgesucht. Und was die wenigsten wissen: Das obere Mittelrheintal ist die Heimat unsere El Presidente, Ralf H., und deswegen natürlich nicht ohne Grund Teil des Weltkulturerbes. Wenn ich nicht zufällig davon gewusst hätte, wäre mir die innige Verbindung unseres Präsidenten zu dieser Gegend aber spätestens auf der Hinfahrt bewusst geworden. Schon im Vorfeld des Wochenendes hatten Ralf H., Frank W. und einige andere aus dem Core Team ca. 297 E-Mails zu der Frage ausgetauscht, welchen Wein wir für das Wochenende besorgen sollten und wie man diesen am besten in das Gästehaus schmuggeln könne.

Dann kam der Freitag Abend (die E-Mail-Flut hatte zu keinem eindeutigen Ergebnis geführt), und ich befand mich mit Ralf und unserem Alterspräsidenten, Konsul Toni D., auf der Fahrt nach Oberwesel (standesgemäß in Tonis geräumigem Mercedes). Ralf war unser Navigator, und lenkte den Stern auf der Kühlerhaube über einen kleinen Umweg zur Jugendherberge, um beim Weingut "Toni Jost" in Bacharach einen Zwischenstopp einzulegen. Ich blieb aus Faulheit im Wagen sitzen, und nahm an, dass nur schnell einige Kartons einzuladen seien. Mitnichten. Nach einiger Zeit blickte ich gelangweilt zur Seite, und mein Blick fiel durchs Fenster des Anwesens auf eine Weinprobe in vollem Gange. Es hatte durchaus etwas Anheimelndes, durch die grün getönten Scheiben das Profil unseres Präsidenten zu betrachten, der wieder und wieder erst die Nase ins Glas steckte, um dann einen kräftigen Schluck zu nehmen. Allerdings hätte ich noch lieber am Abendessen in der Jugendherberge teilgenommen, welches sich unterdessen seinem Ende näherte. Irgendwann kamen die beiden aber wieder zum Vorschein (mit einigen Karton Wein und einer ordentlichen Fahne), und wir konnten uns doch noch auf das leckere Pangasiusfilet a la Jugendherberge stürzen. Eine positive Überraschung, denn ich hatte mit ein paar Stullen gerechnet.

Es folgte eine ausgedehnte Gesamtprobe mit Showeinlagen von Torsten H., der mit dem Notenständer in der Hand einen sensationellen Balanceakt auf dem Tisch hinlegte, um die Gardinen an den deckenhohen Fenstern herunterzulassen. Das war beeindruckend, und zeugte von großer Körperbeherrschung. Anschließend gab es aber Abzüge im Bereich der Feinmotorik, denn er ließ seinen Bucket Mute so oft auf die Erde fallen, bis dieser sich endgültig in seine Bestandteile zerlegt hatte. Aber was soll's, man kann eben nicht immer gewinnen. 

Erst der offizielle Beginn der Nachtruhe um 22.00 Uhr stoppte unseren Übungsfleiß, und wir begaben uns ins Bistro des Hauses, um die Probennachbesprechung zu beginnen. Die dort erhältliche Rieslingschorle bemühte sich zu gefallen, konnte uns aber dennoch nicht davon
 abhalten, nach kurzer Zeit in den Probenraum zurückzukehren, um die eingeschmuggelten Weinvorräte durchzutesten.

Wir saßen nach Kindergartenart im Stühlchenkreis, und so begab es sich, dass ich irgenwann in die peinliche Situation geriet, die Entstehungsgeschichte meiner neuen Frisur zu erzählen. Nun bin ich im Kreise der Band durch meine solistischen Aktivitäten ja daran gewöhnt, ein gewisses Mass an Peinlichkeit zu verbreiten. Insofern ließ ich mich dazu breitschlagen, über meine Frisur zu berichten. Meine Leser würde ich mit solchen Trivialitäten normalerweise niemals langweilen, doch hier muss ich es tun, um eine andere Geschichte zu erklären. Also, machen wir es kurz: Mein eigentlicher Plan war, das Haar ein letztes Mal in diesem Leben länger wachsen zu lassen, um mir die Frisur von Jogi Löw zuzulegen. (Und anschließend natürlich hautenge weiße Hemden.) Da ich aber für die Übergangsfrisur überraschend gutes Feedback erhielt, beschloss ich, dabei zu bleiben. So weit die Fakten über meine Frisur. Am nächsten Morgen brachte Toni dann eine weiß-gelbe Kappe (siehe Foto) mit zur Probe und drückte sie mir in die Hand. Ich wusste damit nichts anzufangen und legte sie achtlos zur Seite (in der Annahme, er habe sie irgendwo gefunden). Erst später stellte sich heraus, dass er sie von seinem sauer verdienten Geld im Jugendherbergsshop erstanden hatte, weil "Jugi" darauf steht. Das war mir natürlich sehr unangenehm. Zu guter Letzt hätte ich die Kappe dann fast noch in Tonis Auto liegenlassen, als er mich am Sonntag nach Hause fuhr. Peinlicher geht es ja kaum. Toni hat mir trotzdem zum Abschied eine Flasche Wein geschenkt -- das hat Klasse, oder? Von nun an wird die Kappe einen Ehrenplatz erhalten, sowohl in meinem Schrank als auch in meinem Herzen.

Unsere gemütliche Probennachbesprechung entwickelte eine gewisse Eigendynamik und endete erst gegen 3.00 Uhr morgens. Deswegen blieben nur sechseinhalb Stunden, um uns für die nächste Gesamtprobe zu regenerieren. Allerdings konnten einige von uns diese Zeit voll zum Ausschlafen nutzen, denn seltsamerweise war nicht jedem nach Frühstück zumute. Ein mysteriöses Unwohlsein, man kann es fast eine Magenverstimmung nennen, machte die Runde. Am Wein kann es eigentlich nicht gelegen haben -- der war schließlich von unserem Präsidenten persönlich verkostet. Ich führe die Beschwerden auf die Luftumstellung zurück -- am Mittelrhein herrscht nämlich ein ganz besonderes Mikroklima, und wenn man in dieser Beziehung empfindlich ist, hat man sich schnell was eingefangen.

Trotz dieser Ausfallerscheinungen begann die für 9.30 Uhr angesetzte Gesamtprobe fast pünktlich. Es ging weiter im Programm, bevor gegen 11.00 Uhr dann die Dozenten eintrudelten, die wir für zweiteilige Workshops (unterbrochen vom Mittagessen) verpflichtet hatten: 
  • Ernie Hammes (trp)
  • Uli Röser (tb)
  • Steffen Weber (sax)
  • Christoph Dangelmaier (Rhythmus)
Ich nahm natürlich am Trompetenworkshop teil. Über die anderen Workshops kann ich deswegen keine Details weitergeben, habe aber nur Gutes gehört. Ernie gab uns eine Menge Tipps, hörte sich unser Zusammenspiel im Satz an und machte Verbesserungsvorschläge. Er spielte uns auch viel vor und ließ uns so in vielfältiger Weise an seinem Erfahrungsschatz teilhaben. Es ist ein großes Privileg, dass wir uns in dieser Band die Zusammenarbeit mit Profis wie Thomas, Ernie, Uli, Steffen und Christoph leisten können. Hier liegen Chancen, musikalisch weiterzukommen, die wir nutzen sollten.

Als die Dozenten sich verabschiedet hatten, galt es, das Gelernte in einer weiteren Gesamtprobe vorzuführen (ja, meine Damen und Herren, wir waren fleißig an diesem Wochenende). Eine Veränderung war auch gleich für alle spürbar: Die Rhythmusgruppe spielte immer noch dynamisch und druckvoll, aber trotzdem eine ganze Ecke leiser. Und die anderen Sätze bemühten sich ebenfalls, zu glänzen. Irgendwann war dann aber Schluss, und
 unser CMO Thomas S. forderte uns auf, es an diesem Abend "mal richtig krachen" zu lassen.

Wir machten uns also mehr oder weniger frisch und anschließend auf den Weg in eine Art Besenwirtschaft, um den Abend bei Steaks, Käseplatten, Eis und viel Wein zu genießen. Und zack die Bohne näherte sich das Probenwochenende seinem intellektuellen Höhepunkt: Harald S., der sich bisher als Solist auf dem Tenorsaxophon hervorgetan hatte, zeigte ein neues Gesicht und teilte uns eine Wortneuschöpfung mit, die gut und gerne als Einwortgedicht in die Literaturgeschichte eingehen kann. Das Wort lautet:

Toleranzempfinden®™

Sie haben es gleich gemerkt: Dies ist viel mehr als nur ein Wort. Leichtfüßig kommt es als dreihebiger Jambus daher und überzeugt durch äußerste metrische Reinheit. Doch auch semantisch ist es allererste Sahne, denn es eröffnet zahlreiche Bedeutungsebenen, deren Tiefen und Untiefen wir für den Rest des Abends ergründeten und doch bis zum Morgengrauen noch nicht annähernd ausgelotet hatten.

Ich hätte wirklich niemals damit gerechnet, dass im Rahmen dieses Probenwochenendes ein solches Juwel entstehen würde. Und es ging noch weiter: Nach der Rückkehr in unsere Herberge diskutierten wir bei leichten Getränken intensiv darüber, eine musikalisch unterfütterte Dichterlesung auf die Beine zu stellen. Und zum guten Schluss des Abends tauschte ich mich mit Thomas noch bei einem kubanischen Zigarillo über das Thema "stream of consciousness bei James Joyce" aus. So langsam entwickelt die Band sich zu einem multidisziplinären Happening, bei dem die klassischen Grenzen zwischen Musik und Literatur verwischen. Wahrscheinlich ziehen wir alle demnächst zusammen und machen eine Künstlerkommune auf. Wer weiß, wo das noch hinführt?

Mit von der Partie an diesem Wochenende waren erstmals auch Mareike und Jonas, die den angeschlagenen Saxofonsatz personell verstärkten. Die beiden überzeugten durch ihre musikalische Leistung, fügten sich aber auch nahtlos in die anderen Aktivitäten ein und unterstützten uns tatkräftig bei Weinproben, der semantischen Analyse von "Toleranzempfinden" und der Suche nach neuen Businessmodellen für das 21. Jahrhundert.

Ich blicke also zurück auf ein äußerst ersprießliches Wochenende. Auch musikalisch hat es viel gebracht. Nachdem wir uns lange am Swing die Hörner abgestoßen haben, setzen wir zur Zeit ja voll auf Latin, und da gilt es, viel zu arbeiten. Für das Protokoll seien hier die Stücke gelistet, die wir geprobt haben:
  • Con Alma
  • Afro Blue
  • Quiet Night of Quiet Stars
  • La Almeja Pequena
  • Funky Cha Cha
  • The Girl from Ipanema
  • A Night in Tunisia
  • Chega de Saudade
  • Cubano Chant
Alle diese Nummern haben wir mehrfach geprobt und in einer weiteren Gesamtprobe am Sonntag Vormittag noch mal komplett durchgespielt. Ich gebe offen zu, dass mir Stücke wie zum Beispiel die beiden letztgenannten bis zu diesem Wochenende nicht besonders gefallen haben. Jetzt liebe ich sie alle! Oder sagen wir: fast alle. Mit Con Alma bin ich vorerst nur eine zarte Bindung eingegangen, die auch stellenweise noch von gegenseitigem Misstrauen geprägt ist. Aber das wird schon. Ich muss nur an meinem Toleranzempfinden arbeiten.

Weine von Weltklasse oder 251: Probenwochenende 2007

Ein fantastisches Wochenende liegt hinter uns. Der Goldene Ochsen in Cröffelsbach war in diesem Jahr der Schauplatz für unser Probenwochenende, und es hat sich mal wieder so richtig gelohnt.

Der Freitag Abend, an dem nur einige von uns anwesend waren, verlief relativ ruhig. Nach einem reichhaltigen Abendessen packten wir unsere Instrumente aus (Rhythmusgruppe ohne Klavier, eine Trompete und ein Baritonsax) und Jens legte aus dem Stand eine tadellose Einführung in das Thema 251-Verbindungen hin.

Nach einiger Zeit stießen Ralf und Toni dazu, und es ging noch mal die Post ab (bis wir irgendwann so um Mitternacht um Ruhe gebeten wurden). Es wurde aber trotzdem noch ein langer Abend. Als Thomas so gegen 2.30 Uhr zu uns stieß, öffnete Ralf gerade eine von zahllosen Flaschen Weltklassewein, den er sich palettenweise hatte liefern lassen. Und schon war (neben "251") das eigentliche Leitmotiv für dieses Wochenende geboren.

Am nächsten Morgen war die ganze Band pünktlich um 10.00 zur Stelle, und die Probe konnte beginnen. Hier zeigte sich, dass ein weiteres Leitmotiv des Wochenendes tierische Kopfschmerzen waren, die sich bei einigen Musikern breit machten und leider in keinem ausgewogenen Verhältnis zu der Menge an vorhandenem Aspirin standen. Aber wer feiern kann, kann auch Musik machen! Und gejammert wird nicht.

Wir werden viele kleine Begebenheiten in Erinnerung behalten, die zeigen, dass die Band unheimlich viel Spass zusammen haben und trotzdem ernsthaft musikalisch arbeiten kann:
  • Am Freitag Abend sahen Jens W. und Oli sich außerstande, ihre Zimmertür (Hightech!) zu öffnen. Obwohl wir bis dahin weder Weltklassewein noch sonst irgend etwas getrunken hatten. Und wer hat die Tür aufgekriegt? Mr. "Short Fingers" Hendrik. Was für eine Genugtuung! (Leider scheiterte er dann kurze Zeit später an der eigenen Tür, was den guten Gesamteindruck doch etwas beeinträchtigte).
  • Thomas gab bei La Almeja Pequena detaillierte Anweisungen bezüglich des Solo-Teils, und alle hatten sie verstanden und waren spielbereit. Mit einer Ausnahme: Ralf stand kopfschüttelnd vor seinem Notenständer und verstand die Welt nicht mehr. Bis Thomas ihn darauf hinwies, dass er das falsche Stück aufliegen hatte. OK, gut. Kann ja mal passieren.
  • Beim Abendessen am Samstag Abend musste man leider feststellen, dass Hendriks Fähigkeiten zum Socializing doch schon recht eingerostet sind. Als er die sehr sympatischen Kellnerinen des Goldenen Ochsen mit einem jovialen "Setzt uns doch zu euch! [sic]" an den Tisch einladen wollte, erntete er nur befremdliche Blicke von Seiten der Angesprochenen und kreischendes Lachen aus den Reihen der Band. Na ja. Gehört sich ja ohnehin nicht, so was.
  • Toni bekam für seine solistischen Verdienste einen zweiten Vornamen verliehen. Er heißt jetzt Toni "Clifford" D.
  • Wir beschlossen, die demokratische Meinungsbildung in der Band weiter zu fördern, indem wir regelmäßige Umfragen zum Thema "Wenn am nächsten Sonntag Vorstandswahl wäre" veranstalten.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass wir in diesem Jahr zum ersten Mal von der Jugendherberge auf ein Hotel umgestiegen sind. Und zwar eines mit handgemachten Maultaschen (und vielen anderen Köstlichkeiten)! Das war für einige von uns sicher nicht gut, was die Bundweite angeht, aber die viel komfortablere Art der Unterbringung (keine wässrige Suppe, kein Gemeinschaftswaschraum, Weine von Weltklasse usw.) hat auch dazu geführt, dass man viel entspannter Musik machen konnte. Es ist schon fantastisch, dass wir uns so etwas einfach so leisten können, und wir sollten froh darüber sein.